Statt Blumen: Speakerinnenliste goes Frauentag

Heute ist Internationaler Frauentag. Bitte, Leute: Keine Blumen! Wir brauchen schließlich keinen weiteren konsumfreudigen Valentins-Mutter-Gedönstag, sondern, ja, auch heute und nach wie vor: Es gilt, zu kämpfen.

Zu kämpfen gegen Ungleichbehandlung. Gegen Lohnungerechtigkeit. Gegen unterschiedliche Behandlung aufgrund des “Risikos” einer Eltern- oder im konkreten Falle besser gesagt: einer Mutterschaft. Gegen unterschiedliche öffentliche Sichtbarmachung. Zu kämpfen gilt es zum Beispiel gegen #1frautv, also TV-Sendungen im ganz aktuellen, häufig sogar öffentlich-rechtlichen Fernsehen, bei denen zu den geladenen Gästen zu welchem Thema auch immer gerade mal eine oder (außer der ab und an weiblichen Moderatorin) keine Frau gehört. Zu kämpfen gilt es für gleichberechtigte #50Prozent. Zu kämpfen gilt es gegen Panels, auf denen keine oder zu wenig Frauen sitzen. Ha, und zumindest hier gibts jetzt was Neues*: Die Speakerinnenliste. Lanciert heute, am Internationalen Frauentag. Digitaler Kampfgeist.

Danke an Railsgirlsberlin, die Entwicklerinnen, die dies stillschweigend und konzentriert umgesetzt haben.
Danke an alle, die das Projekt sonstwie durch immer wieder Drübersprechen am Laufen gehalten haben. Danke an alle, die es nun weiter füllen, und an all die, die es im Sinne einer besseren Sichtbarmachung von Frauen zukünftig nutzen. Hoch die Fäuste, Frauen, heraus zum Internationalen Frauentag!

Dieser Beitrag erschien parallel bei manubloggt. Nachtrag – Zusatz für genderpopender:

Der Beitrag spricht wortwahlseitig angesichts des heutigen Datums insbesondere Frauen an. Für eine geschlechtergerechte Gesellschaft müssen natürlich im besten Falle alle gemeinsam kämpfen, unabhängig ihres biologischen und/oder sozialen Geschlechts. Ich wünsche mir, dass weder Geschlecht noch Gender mehr diskriminierende Faktoren in unserer Gesellschaftsein werden. Auf dem Weg dahin ist es meiner Meinung nach jedoch wichtig, auch konkret bestehende Ungerechtigkeiten gegenüber einer Gruppe aufzuzeigen – und nach Möglichkeit zugleich positive Strategien zur Abschaffung dieser Diskriminierung aufzuzeigen. Die auf die Sichtbarmachung von Frauen zielende Speakerinnenliste kann und wird hoffentlich ein hilfreiches Tool auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft sein.

*An dieser Stelle soll nicht vergessen werden, dass es natürlich auch in den letzten Jahren schon ähnliche Initiativen gab. Hier noch einmal der Hinweis auf unsere schon länger bekannte und auf genderpopender eingebundene Speakerinnenliste, die inhaltlich den Fokus aber auf Frauen in der Piratenpartei setzt.

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Danke

Ich will den Frauenkampftag nutzen um den vielen Leuten die sich in dieser bunten Bewegung des Feminismus bewegen, danke zu sagen.

 

Und zwar nicht nur, weil diese Bewegung und jene, aus denen sie entstanden ist, das Leben der Menschen um vieles verbessert hat. Sondern gerade weil ich als privilegierter weißer Mann mittleren Alters durch meine Beschäftigung mit feministischen Theorien wirklich viel für mein persönliches Leben gewonnen habe.

Um das zu erläutern muss ich kurz ausholen und meine Geschichte erzählen. Ich bin als halbwegs normaler weißer Mann aufgewachsen. In meiner Jugend wurde ich gemobbt, weshalb ich früh mit nachdenken anfing, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Es brauchte aber noch eine ganze Weile, bis ich mich mit Privilegien auseinander gesetzt habe. Erst als ich mich damit beschäftigt habe, was es für unsere Gesellschaft bedeutet, wenn sehr viele persönliche Informationen von allen Menschen offen zugänglich sind.

Und ehrlich gesagt auch nur, weil ich mich glücklicherweise zufällig mit Feministinnen über dieses Thema unterhalten habe, die mir zeigten, dass es da in der Thematik noch weitaus mehr zu Wissen gab als das, was ich mir aus meinem linken Selbstverständnis so zusammenreimte und dann vollmündig erklärte. (Heutzutage bezeichne ich sowas ja Mansplaining)

Das ist jetzt über zwei Jahre her. In dieser Zeit habe ich viel gelernt, vieles in unserer Gesellschaft ist mir weitaus verständlicher geworden. Ich habe viele tolle Menschen kennen gelernt die für mich eine Inspiration darstellen. Ich verstand irgendwann, dass wir alle Sexismen reproduzieren. Ich lernte viele Verschiedene Strömungen kennen, so Facettenreich wie kaum eine andere Bewegung, die ich kennen lernen durfte.

Diese Beschäftigung war nicht immer schön. Für mich war es schmerzhaft, mir einzugestehen zu müssen, dass auch ich Unterdrückung mit getragen hatte und immer noch mit trage. Noch schmerzhafter war es zu lernen, wie das ist, Privilegien ausnahmsweise mal nicht zugesprochen zu bekommen.

Doch das war auch extrem lehrreich. Es lies mich ansatzweise erahnen und sensibilisierte mich. Mir wurde die wichtigkeit der Solidarität mit jenen, die in die heteronormative Matrix nicht hinein passen, bewußt. Ich begann auf dominantes Verhalten zu achten und Strategien anzueignen, meiner Sozialisation entgegen zu wirken. Dies führte unter anderem dazu, dass sich meine Einstellungen zu Beziehungen & Sexualität entschieden änderten.

Und alleine dieses ist so unheimlich befreiend gewesen! Durch dieses Umdenken – und wunderbaren Ideen wie z.B. dem ritualisierten miteinander Reden – erlebe ich das erste Mal Zufriedenheit in einer Beziehung. Ich brauche Feminismus um mich weiter zu entwickeln. Ich will keine Kekse, kein Lob für das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ich will einfach nur Danke sagen.

Danke Feminismus! Toll, dass es euch gibt.

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Lesen: Wissenschaftlicher Kommentar zur Sexismus-Debatte

Seit gestern macht dieser lesenswerte wissenschaftliche Kommentar (pdf-Abruf) von Prof. Dr. Gerd Bohner , Dipl.-Psych. Charlotte Diehl und Dipl.-Psych. Jonas Rees, alle tätig am FB Psychologie der Universität Bielefeld u.a. via Twitter die Runde. Sehr aufschlussreich. Solltet ihr gelesen haben, jedenfalls empfehle ich euch dies. Der Kommentar unterfüttert nämlich die #Aufschrei-Diskussion um wissenschaftlich belegte Daten und widerlegt damit die verschiedentlich geäußerte Behauptung, diese Debatte sei doch an der Realität vorbei oder gar hysterisch.

In ihrem Kommentar zeigen die Verfassenden anhand verschiedener klar benannter Studien auf, dass tatsächlich Frauen in überwiegendem Maße von sexueller Belästigung betroffen sind, und dass hierbei nachweislich Männer in der Großzahl der Fälle als Täter auftreten (S.1f.). Sie führen Studien an,. welche die Diskrepanz zwischen der theoretischen Bereitschaft, sich bei Übergriffen zur Wehr zu setzen, und der tatsächlichen Abwehrkapazität im Falle eines echten Übergriffs belegen: “Diese Studien zeigen also, dass Personen in der Regel unterschätzen, wie schockierend die reale Belästigungssituation für Opfer ist, und wieviel Überwindung es kostet, sich aktiv zur Wehr zu setzen.” (S.2 der Stellungnahme). Weiterhin äußern sie sich u.a. auch zur fälschlichen Behauptung, Frauen würden im Sinne einer Männerbedrohung Schuldvorwürfe erfinden(S.3).
Im Kommentar wird ebenfalls belegt, dass Männer keineswegs nicht einschätzen können, ob sie sich angemessen oder sexistisch verhalten: “Vielmehr stimmen Männer und Frauen weitestgehend überein, wenn es um die (Un-)Angemessenheit bestimmter Verhaltensweisen geht. Männer, die sich trotzdem unangemessen verhalten, tun dies aus Rücksichtslosigkeit oder Feindseligkeit – in jedem Fall aber tun sie es in aller Regel wissentlich” (S.4).

Der Kommentar ist ein auch für Fachfremde gut lesbarer Kurzeinstieg in wissenschaftsseitige Erkenntnisse zum Thema; durch die Quellnachweise im Anhang ist der Text auch für die vertieftere Auseinandersetzung mit Fragen zum Themenbereich geschlechtsbezogene Benachteiligungen eine gute Ausgangsbasis.

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FYI: Weltweite Aktionen zum V-Day (#onebillionrising)

 

Zum diesjährigen Valentinstag findet ein weltweiter Aktionstag gegen Gewalt an Frauen statt. Die Idee, ausgehend von der New Yorker Künstlerin Eve Ensler, mobilisiert Aktivist*innen in fast 200 Ländern, um sich an diesem Tag für Empowerment und Gewaltfreiheit im Umgang mit Frauen* einzusetzen. Kritisch zu betrachten sind Teile des Webauftritts bzw. der PR-Strategie, die v.a. im Kampagnenvideo (wird nicht verlinkt) über die Inszenierung von Gewalt gegen Frauen als heteronormatives, bestimmte Kulturen betreffendes Phänomen rassistische Stereotype reproduziert und auch sonst nicht besonders sensibel oder differenziert vorgeht (eine ausführliche Betrachtung dazu findet mensch hier). Es empfiehlt sich also, die vermittelte Perspektive zu hinterfragen und die Komplexität des Themas auf dem Schirm zu behalten. Trotzdem sind Aktionstage gegen Gewalt (egal welche Gruppe betroffen ist) bei aller berechtigten Vorsicht eine gute Sache, deren Unterstützung sich fast immer lohnt.

Jeder Mensch, der sich also am 14.02.´13 mit den Betroffenen solidarisieren und zu einem globalen Statement beitragen möchte, ist eingeladen, an einem der stattfindenden Projekte teilzunehmen. Ulrike Pohl hat dazu genauere Infos über die Listen geschickt:

„Liebe Piratinnen und Piraten,

jede 3. Frau hat in ihrem Leben Gewalt erfahren – also ca. 1 Milliarde Frauen weltweit. Unter dem Hashtag #onebillionrising wollen sich deshalb am 14. Februar 2013 in 199 Ländern Frauen zusammen finden, um sich gemeinsam gegen Gewalt auszusprechen, zu erheben und ein Zeichen zu setzen: mit Infoständen, Lichterketten, Gospelgesängen oder Flashmobs. Weitere Infos unter: http://www.onebillionrising.de/

Die Berliner Veranstaltungen zu #onebillionrising findet ihr
hier. Dort seht ihr auch, dass es am Donnerstag um 17.30 Uhr einen Flashmob geben wird – auf dem Pariser Platz. Die Choreografie dazu ist hier, und es gibt auch eine Choreo im Sitzen (Barrierefreiheit hat viele Gesichter). Also zeigen wir, dass wir viele sind!

Wir Piratinnen und Piraten treffen uns am Donnerstag, den 14.02.2013 um 17.15 Uhr vor Starbucks am Pariser Platz 4a  und dann geht es los! Wie heißt es in dem Song? “We are all beautiful creatures”…

Freundliche Grüße,
Ulrike @sunmoonstars97

P.S. Zum Weiterlesen die Studie zu Gewalt an Frauen mit Behinderung (die am stärksten betroffene Gruppe) der Universität Bielefeld.“
 
 

 

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Das Gender-Equality-Paradox

 

Im aktuellen Diskurs taucht in Film- oder Textform immer wieder ein als “Gender-Equality-Paradox” bezeichnetes Phänomen auf: Mit wachsendem Gender-Equality-Index eines Landes ist in bestimmten Bereiche wie z.B. der Berufswahl eine stärkere Angleichung an die Geschlechterstereotype zu beobachen, und nicht etwa erwartungsgemäß eine Abschwächung selbiger. Oft wird diese Entwicklung dahingehend interpretiert, dass mit wachsender “Freiheit” der Geschlechter innerhalb einer Gesellschaft eine stärker biologisch prädisponierte Ausprägung der geschlechterspezifischen Vorlieben stattfinden kann. Dieser Interpretation widersprechen wir vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes zum Thema und können vor allem der zu Grunde liegenden Prämisse, dass in Ländern mit hohem Gender-Equality-Index keine oder weniger Geschlechterrollen in der Gesellschaft existent wären, nicht zustimmen. Nur, weil es formal möglich ist, dass eine Frau Mechanikerin oder Firmenchefin wird, heißt das noch lange nicht, dass sich jahrhundertelang gewachsene, im kulturellen Gedächtnis verankerte Traditionen, Rollen, Klischees und Strukturen mitgewandelt haben oder überwunden sind. Das wäre in etwa so, als würde man die Existenz von Rassismus in Europa oder den USA bestreiten, nur weil Menschen unterschiedlicher Hautfarbe dort formell gleichgestellt sind.

Wer sich ins Bewußtsein ruft, wie stark Geschlechterstereotype z.B. in den Medien oder in der Konsumwelt und Spielzeugindustrie vermittelt werden, der kann sich leicht vorstellen, dass Menschen gerade in Ländern, wo Kinder und auch heranwachsende/erwachsene Menschen diese Medien und Konsumgüter hochfrequenter konsumieren (können), auch entsprechend stärker in ihrem Denken und Verhalten davon beeinflusst werden. Da gerade assoziativ angelegte, implizite Botschaften – solche, die beispielsweise in der Werbung mitschwingen – zum allergrößten Teil über Emotionsaktivierung unterbewußt verarbeitet werden, ist es auch schwer, sich gegen diese Manipulation zu wehren. Das Wirken von Geschlechterstereotypen in unserer Gesellschaft und die daraus folgenden schädlichen Auswirkungen auf die Biographien von Frauen und Männern ist in zahlreichen Studien deutlich nachgewiesen und auch in Ländern mit hohem Gender-Equality-Index klar präsent. So wird man z.B. auch unter den Frauen, die sich als emanzipiert bezeichnen, wenige finden, die sich dem von unserer Kultur gezeichneten frauenspezifischen Normen-und Wertesystem entziehen können, da ansonsten soziale Sanktionen drohen. Genauso wenig wandeln sich von heute auf morgen Strukturen, deren Reproduktion nachgewiesenermaßen nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt, oder verändern sich psychologische Gruppendynamiken, die über verschiedene Mechanismen aus Minderheiten keine Gleichverteilung werden lassen, sondern nach Konformität streben (wie z.B. hier).

All dies trägt dazu bei, dass vielleicht eine gesetzliche Gendergleichheit herrschen mag, die Geschlechterklischees in den Köpfen der Menschen aber so stark aktiviert sind wie zuvor, mit all den entsprechenden Konsequenzen. Die daraus folgenden Unterschiede in Verhalten und Interaktion dann (evolutions-)biologisch zu legitimieren, ist übrigens nicht nur kontraproduktiv, sondern auch wissenschaftlich nicht haltbar – in Kürze wird hierzu eine ausführliche und mit aktuellen Forschungsquellen belegte Gegendarstellung zu der gerade im Internet kursierenden norwegischen Dokumentation “Brainwash – The Gender Equality Paradox” erscheinen.

 

 

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Grenzgängerin – Feministin in der Piratenpartei

Irgendwann im Sommer/Herbst 2011 wurden die Piraten für mich interessant. Unangenehme Fragen stellen und den Finger in die Wunde legen, dabei rotzfrech und auch optisch nicht immer Mainstream. Was in der Presse oft lächerlich dargestellt wurde, löste einen bei mir typischen Reflex aus: So wie auf den Piraten herumgehackt wurde, musste ich mir die mal näher anschauen. Vielleicht schreibe ich irgendwann mal eine Liebeserklärung an die Piratenpartei. Was mich insgesamt von der Partei überzeugte, soll aber heute nicht Thema sein.
Trotz Übereinstimmung bei vielen Themen, gab es einen Punkt, der mich störte und den ich auch heute immer wieder höre: “Piraten? Das sind doch die mit dem Frauenproblem!”
Ich, die ich mich seit Jahren als Feministin bezeichne, kann doch keine Partei gut finden, die von sich sagt, postgender zu sein.
Im März 2012 wurde der Landtag hier in NRW aufgelöst. Plötzlich standen für Mai Neuwahlen an und ich musste mich damit auseinandersetzen, was ich denn wählen will. Und ich sage es hier ganz ehrlich: Wirklich final entschieden habe ich mich am Tag der Wahl – für die Piraten. Und ich habe die Partei dann nicht nur gewählt, ich bin sechs Wochen später eingetreten.

Seit diesem Tag habe ich das Gefühl, ich muss mich auf zwei Seiten, die mir sehr wichtig sind, rechtfertigen. Ich bin Feministin und ich bin Piratin. Beides bin ich mit viel Leidenschaft und beides ist sehr sehr anstrengend. Gender ist mein Lieblingsthema und deswegen ist das auch in der Partei meine Nische. Ich kenne sehr viele Leute, die genauso denken wie ich. Das Wolke 7-Gefühl wird dann jäh gestört, sobald ich mich aus meiner Filterbubble herausbewege. Die Piraten sind da nur Spiegel der Gesellschaft – Feminist_innen kennen wohl genau, was ich da beschreibe.
Ich fühle mich manchmal wie eine Grenzgängerin – stets bemüht, auf beiden Seiten zu vermitteln und mich und meine Ansichten verständlich zu machen. An manchen Tagen will ich das alles einfach nur hinwerfen. Dann wird mir das zuviel und ich habe das Gefühl, dem nervlich und emotional nicht standhalten zu können. Ewig gleiche Diskussionen mit Menschen, die ich für ansonsten schlau und spannend finde. Aber wir versammeln so unheimlich kluge Köpfe in der Partei. Ich bin in sehr empowernden Gendernetzwerken aktiv, entwickle meine eigenen Ansichten weiter und merke, dass ich manchmal vorher skeptische Leute zum Nachdenken anregen kann.
Feministin sein ist nicht als der widerstandsloseste Lebensweg der Welt bekannt – Mitglied der Piratenpartei zu sein ebensowenig. Ich bin aber froh sagen zu können, dass ich beides die meiste Zeit gerne bin.

Für piratenkritische Feminist_innen und feminismuskritische Pirat_innen:
* Die Piraten sind nicht postgender. Das steht nirgendwo, das wurde niemals beschlossen. Vielmehr wurde mittlerweile das Gegenteil abgestimmt: “Der Begriff ‘postgender’ entstammt weder einem der Programme noch einer internenen Debatte der Piratenpartei, außerdem ist er schwammig und mehrdeutig, es fehlt eine klare Definition. Vielmehr beruht die Zuschreibung dieses Adjektivs auf einem Bericht der taz. Jens Seipenbusch, dem das Zitat “Wir sind postgender.” in den Mund gelegt wurde, konnte die taz dazu bewegen, es als Zitat aus dem Artikel zu entfernen, trotzdem blieben die Autoren bei der Zuschreibung. Zu diesem Zeitpunkt hatte es jedoch bereits als angebliche Selbstbeschreibung der Piratenpartei breiten Eingang in die mediale Berichterstattung gefunden.” Quelle
* Ich habe mir erklären lassen, aus Sicht vieler Pirat_innen sieht Feminismus aus wie Lobbyismus für ein Geschlecht und würde deshalb diesen unrefelktierten Beißreflex auslösen. Heutzutage ist bei Feminismus meistens die Rede von Postfeminismus und dekonstruktivistischem Feminismus. Die Binarität der Geschlechter wird generell in Frage gestellt, somit setzen diese Feminist_innen sich in der Regel für die Gleichstellung aller Geschlechter ein. Hinzu kommt der Einsatz gegen weitere, oft verschränkte Diskriminierungsformen (Klasse, Hautfarbe usw.). 
* Wir setzen uns als Piratenpartei für Menschenrechte ein. Frauenrechte sind ein Teil der Menschenrechte. Dass für das Einräumen von Menschenrechten ein paar Leute ein paar Privilegien ablegen müssen, sollte okay sein und verlangen wir als Partei ja auch an anderen Stellen des Lebens.
* Warum es Feminismus heißt, hat @acid23 bereits erklärt.
* Die Partei hat ein sehr fortschrittliches Geschlechter- und Familienprogramm. Würde es das nicht geben, wäre ich niemals beigetreten.
* Man darf sich in der Piratenpartei Piratin nennen – das wollen nur viele Pirat_innen nicht glauben ;-) In der Satzung steht: “Die in der Piratenpartei Deutschland organisierten Mitglieder werden geschlechtsneutral als Piraten bezeichnet.” Da steht aber nicht, dass die Mitglieder der Partei sich nicht nennen dürften, wie sie möchten – das würde irgendwie auch so allem widersprechen, was wir uns auf die Fahne geschrieben haben. Dass da steht, generisches Maskulinum wäre geschlechtsneutral, darüber müssen wir nochmal diskutieren, dem stimme ich absolut nicht zu.
* Es gibt innerhalb der Piratenpartei diverse Netzwerke, die sich mit Genderpolitik beschäftigen – der “feministische Untergrund” (harhar!) ist also aktiv.

Unwissenheit und daraus resultierende Vorurteile gibt es auf beiden Seiten und beide Seiten würden davon profitieren, sich nicht auf Medienberichte und Populärwissenschaften zu verlassen.
Denkt selbst und habt keine Angst voreinander.

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Das Diversityproblem der Piratenpartei

 

Könnten Parteien eine Achillesferse haben, dann wäre es bei der Piratenpartei wohl die mangelnde Geschlechtervielfalt. Wenig andere Themen aus dem orangen Lager haben die Medien derart konstant in Atem gehalten und zu lautstarker (und berechtigter) Kritik von allen Seiten geführt. In der Genderdebatte verbinden sich Fragestellungen der eigenen Authentizität (Partizipation für Alle?) mit der zur Bundestagswahl 2013 hin relevanter werdenden Wähler_innenmobilisierung. Daher wollen sich die wenigsten damit abfinden, parteipolitisch derart an der Hälfte der Bevölkerung vorbeizuschrammen. Die Frage, die derzeit vielerorts mit steigender Frequenz gestellt wird, ist folgende: Was kann die Piratenpartei tun, um für Menschen aller Geschlechter attraktiver zu werden?

Kurzes Statement 
zum Argument, das Geschlecht wäre in unserer Partei doch egal, auch im Amt – würde Geschlecht *wirklich* keine Rolle spielen, so wären die Ämter, Posten und Partizipationen über die Geschlechter gleichverteilt. Sind sie aber nicht. Dafür kann es nur 2 Gründe geben.

  1. Entweder es gibt eine geschlechterimmanent verschiedene Befähigungs- u. Interessenverteilung – eine Analyse dazu gibt es in diesem Blogbeitrag
  2. Oder es herrschen Bedingungen, die eine gleichverteilte Partizipation erschweren – damit beschäftigen sich die Artikel zu Problemfeld 1, Problemfeld 2 und Problemfeld 3
PS:
Dieser Beitrag widmet sich aus zeitlichen Gründen dem reinen Genderproblem. Dass es andere Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft und damit auch der Piratenpartei gibt, die im politischen Betrieb ebenfalls marginalisiert sind, soll damit nicht ausgeblendet werden, deshalb weise ich explizit darauf hin. Ich ermutige jeden, der das mal analysieren möchte und biete meine tatkräftige Hilfe an.
Eine weitere Reduktion ist, dass in diesem Beitrag von „Frauen“ und „Männern“ gesprochen wird. Trotz Unvollständigkeit und Pauschalisierungsgefahr wird dieses Konstrukt aus 2 Gründen verwendet:
  1. Sämtliche Statistiken zum Thema sind gendertechnisch nur nach biologischen Männern und Frauen differenziert.
  2. Binäre Geschlechterkategorien spiegeln die aktuelle Lebensrealität der meisten Menschen in ihrem gesellschaftlichen Kontext wieder. Es ist so gut wie unmöglich, sich als soziales Wesen dieser Kategorisierung und ihrer Konsequenzen – formaler oder psychologischer Natur – zu entziehen. An dieser Stelle distanziere ich mich aber deutlich von biologistischen Konzepten, die solche Kategorien als genetisch inhärent sehen.
Der folgende Text versteht unter den Begriffen „Frau“ oder „Mann“ Menschen, die eine männliche oder weibliche Sozialisation erfahren haben (in unserer Gesellschaft meistens noch deckungsgleich mit dem biologischen Geschlecht). Dass solche Bezeichnungen Gruppen zusammenfassen, die in sich sehr heterogen sind und zu großen Teilen nicht den zugeschriebenen Mittelwerten entsprechen, ist hoffentlich klar. Die Verwendung von Mittelwerten ohne Angabe der Verteilungsvarianzen findet hier vor allem deshalb statt, weil auf diesen Zahlen üblicherweise die Rechtfertigung oder Ablehnung von Maßnahmen zur Umsetzung von Gendermainstreaming (=Strategien zur Verwirklichung gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe unabhängig vom Geschlecht) basiert. Die Rekonstruktion von Stereotypen ist somit nicht ausgeschlossen. Über Anregungen, wie sich das konkret hier ändern lässt, bin ich dankbar.
Ich hätte gern noch mehr zur Situation von Menschen mit queeren und/oder von Intersektionalität betroffenen Lebens-entwürfen in der Politik geschrieben, habe aber zu wenig Datenmaterial dazu gefunden. Falls jemandem entsprechende Infos vorliegen (gerne als Originalstudie), dann würde ich mich über einen Hinweis freuen (bitte @ling_rush). 

Nachdem im obig verlinkten Beitrag aufgezeigt wurde, dass unter den richtigen Umständen eine gleichberechtigte und gleichverteilte Partizipation von Frauen in politischen Strukturen erreicht werden kann – und wohl auch klar ist, dass dies im Sinne einer gerechten Interessenvertretung wünschenswert ist – soll untersucht werden, was die Umsetzung einer solchen Verteilung bei den Piraten erschwert.

Die Piratenpartei sieht sich drei Problemfeldern gegenüber, die je nach Gruppenzusammensetzung und Region in unterschiedlicher Intensität vorhanden sind und alle dazu beitragen, eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen zu blockieren.

Problemfeld 1: zu wenig Frauen in der Basis und eine Verhärtung des Ist-Zustandes
Problemfeld 2: im Vergleich zu Männern andere Behandlung der vorhandenen Frauen
Problemfeld 3: ein geringerer Prozentsatz kandidierender Frauen

 

Was können wir also tun, um diese Problemfelder zu bearbeiten? Hier ein paar Vorschläge:

  • erzeugt eine bessere Wertschätzung/Sichtbarkeit/Belohnung durch das Umfeld – klopft Frauen nach erbrachter Leistung auf die Schulter, schafft soziale Anreize für weibliches Engagement, ermutigt Frauen, in den Vordergrund zu treten, damit sie wissen, dass es gesellschaftlich gewünscht ist und ihr es ihnen zutraut, leitet Interviewanfragen etc. an sie weiter
  • forciert eine aktive Sichtbarmachung weiblicher Erfolge und Kompetenzen, verweist auf weibliche Leistungen, wenn ihr sie zitiert oder über sie berichtet bzw. weist Meidenvertreter auf euren Wunsch hin, beteiligte Frauen in die Berichterstattung miteinzubeziehen
  • sanktioniert Frauen nicht für rollenunkonformes Verhalten, lasst sie also Raum einnehmen, dominant sein und sich angemessen durchsetzen, ohnen ihnen einen Zickenstempel aufzudrücken oder sie zu ignorieren
  • macht Werbung für weibliche Neumitglieder (ähnlich wie das 50-50-Projekt bei den Grünen), bietet ggf. Mentoringprogramme für Neumitglieder an, die eine persönliche Integration in Piratenstrukturen gewährleisten
  • informiert über Solidarisierungsräume und genderspezifische Anlaufstellen, hebt Weiblichkeit (so wie sie zur Zeit noch definiert wird, aber unabhängig vom biol. Geschlecht) in der Piratenpartei vor (z.B. mit PiratenZeigenGesichtinnen und weiblichen “Speakerinnen” bei Medienanfragen)
  • ermutigt Frauen aktiv, für Ämter zu kandidieren, informiert über Beratungsangebote und Komptenenzerwerbs-Möglichkeiten (z.B. Medientraining), schlagt Frauen für Ämter vor
  • auch bei Werben um Wählerinnen gibt es viel PR-Potential nach oben, z.B. Projekte, bei denen Pirat*innen Umfragen bei Frauen machen, was diese sich bei den Piraten wünschen würden, um sich durch sie repräsentiert zu fühlen, welche Themen ihnen wichtig sind, was sie zur Zeit schlecht finden etc.
  • kontrolliert eure Diskussions- und Shitstormkultur selbstverantwortlich durch alle Mitglieder bzw. Moderation von Veranstaltungen, lasst das mit der dominanten Kommunikation sein! Dazu gehören auch Sensibilisierungskurse wie z.B. die Keinzelfall-Tagungen, die leider zur Zeit nur sehr spärlich besucht sind. Hier müsste ein Konzept für breitere Aufklärung her
  • durchbrecht dieses kontraproduktive Nerdpride-Image (das IMAGE, denn das suggeriert Ausschluss und schreckt ab), achtet auf besser *kommunizierte* Unterstützungsangebote zur digitalen/technischen Teilhabe, macht mehr PR für Einsteigerworkshops oder Tutorials in den verschiedenen Bereichen
  • Ergänzung des zur Zeit existierenden “IT-Profils” mit Sichtbarmachung unserer Teilhabe-/Bürgerrechts-/Gendermainstreaming-Themen. Für Frauen ist dieses Thema (notgedrungen) wirtschaftspolitisch und soziokulturell sehr relevant. Hier hat die PP schon gute Inhalte vorzuweisen (Anonymisierte Bewerbung zum Abbau von Diskriminierung, Abbau von Geschlechterrollen zugunsten individueller Entfaltung etc.). Das müsste mehr kommuniziert werden und könnte auch ausgebaut werden, z.B. über konkrete Vorschläge zum Abbau struktureller Diskriminierung und deutlicher medialer Positionierung zu medienwirksamen Inhalten, z.B. gegen das Betreuungsgeld
  • achtet als Gruppe darauf, dass Frauen nicht aus einer erlernten Automatik heraus untergebuttert werden (Frauen werden z.B. häufiger unterbrochen, ohne dass Beteiligte das so mitbekommen – hier drauf achten und ggf. freundlich darauf aufmerksam machen), lasst sie um Himmels Willen *ausreden*
  • zieht bei alldem das Geschlecht allerhöchstens als Indikator für ein bestimmtes Maßnahmenpotential heran, aber nie als Inhaltsersatz für die eigentlichen Kompetenzen und Inhalte – der Fokus sollte nicht auf der Tatsache liegen, dass eine Person eine Frau ist, sondern auf ihren Fähigkeiten und dem, was sie zu sagen hat
  • klärt breitflächig darüber auf, wie gering die Unterschiede in Interessen/Fähigkeiten und Veranlagungen zw. Männern und Frauen wirklich sind bzw. wie breitflächig beide Verteilungen streuen, so dass Geschlecht nicht als Prädiktor für bestimmte Eigenschaften herhalten kann
  • schätzt Frauen nicht per se als sensibler/schwächer/verletzlicher ein als Männer und beschützt sie nicht mit gutgemeinten Gentlemen-Handlungen. Wenn irgendwo etwas zu erledigen ist, dann lieber ein “Ich zeig dir mal, wie das geht” anstatt ein “Lass, ich mach das mal schnell für dich” (eine Beschützerhaltung einzunehmen ist nicht nur machtasymmetrisch, sondern verhindert auch die Ausprägung von Selbstwirksamkeitserleben und Unabhängigkeit bei den beschützten Personen) – mehr Empowerment bitte :)

 

Fazit: Es ist wichtig, das in der Öffentlichkeitswahrnehmung existierende Nerdpride-Image abzubauen und eine *aktiv kommunizierte* Willkommenskultur für Frauen und Queer zu erzeugen. Die niedrigschwelligen Partizipationsstrukturen innerhalb der Piratenpartei sind eigentlich ideal für eine Atmosphäre der Teilhabe und Inklusion gerade in Bezug auf Geschlechtervielfalt, weil weniger verknöcherte Traditionsgefüge, Gentlemens Clubs und Hierarchien als in anderen Parteien herrschen. Dieses Potential nicht zu nutzen wäre geradezu Verschwendung und einer “Mitmach”-Partei wie der unseren einfach nicht würdig. Dabei ist der Aufwand gar nicht so hoch, die Strukturen sind alle schon da – ein bisschen mehr Bewußtheit, Offenheit für Kritik und ein bisschen Wertschätzung reichen in vielen Fällen schon aus. Seid einfach sensibel in den einzelnen Situationen. Und egal, wie gut das im Einzelfall gelingt, probiert es einfach mal aus. Denn das einzige, das definitiv NICHT passieren sollte, ist, dass alles so weitergeht wie bisher.

 

PS: Da es dazu ein paar Fragen gab: Nerdpride ist etwas anderes als “Nerdigkeit” an sich (die meistens eine sehr originelle, liebenswürdige und kreative Eigenschaft ist). Mit Nerdpride ist an dieser Stelle eine Soziokultur gemeint, die andere Menschen durch barrierehaltige Strukturen (Insider-Memes, technisierte Sprache, hoher Digitalisierungsgrad der Kommunikation) ausschließt, weil diese im Rahmen ihrer Sozialisation tendenziell weniger/keinen Zugang zu entsprechendem Spezialwissen hatten (und das betrifft auch ältere oder sozioökonomisch benachteiligte Menschen). Auf die verbundenen, nicht steuerbaren Nachteile wird in Problemfeld 1 genauer eingegangen, ein Blogcomment von “Mch” auf netzpolitik.org illustriert das Ganze aus Betroffenensicht relativ anschaulich. Aber auch hier gibt es eine Tür, ohne sich verbiegen zu müssen – nämlich Wissen zu teilen und Offenheit bei der Gruppenaufnahme zu signalisieren (Ähnlich wie der zugehörige Artikel es tut). Á la: “Wir können das besser als ihr, und es ist auch ziemlich cool, aber wir bringens euch gerne bei.” Und das macht die Piratenpartei ja auch, es wird nur nicht (vor allem durch die Medien) KOMMUNIZIERT. Deswegen wird hier von Nerdpride-Image gesprochen. Die Aufforderung lautet also nicht, sich vom Nerdpride, oder gar vom Nerdtum an sich zu lösen (das wäre ja wohl sehr schade), sondern von einem Öffentlichkeits-Image, das einen falschen Eindruck von Exklusion und Machtungleichheit vermittelt.

 

 

 

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Frauen* und ihr Interesse an der Politik

 

Die Beteiligung von Frauen in der Piratenpartei steht im Kontext weiblichen Engagements in der Politik allgemein. Oft trifft mensch dann in Debatten zum Thema auf folgenden Satz: „Frauen interessieren sich nun mal nicht so sehr für Politik!“ Mit diesem Argument wird oft versucht, bestehende Ungleichheiten zu legitimieren und zum Teil auch auf unveränderliche biologische Gegebenheiten zurückzuführen. Dies entlässt die solchermaßen Denkenden dann praktischerweise aus der Verantwortung, Anstrengungen zur Herstellung von  geschlechtergerechten Gestaltungschancen zu unternehmen. Da es hier aber um einen enorm wichtigen Teilhabebereich geht, ist es entscheidend, solche pauschalen Verteidigungspositionen kritisch zu hinterfragen und sich die tatsächlich vorliegenden Daten einmal näher anzuschauen.

Betrachtet man die politische Landschaft der BRD in ihrer Gesamtheit, dann fällt auf, dass Frauen gerade in Parteistrukturen unterrepräsentiert sind. Auch was die politische Arbeit betrifft, gibt es Mittelwerts-unterschiede zwischen den Geschlechtern: nach einer Umfrage des Allensbacher Instituts zeigen sich rund 60% der Männer, aber nur 40% der Frauen interessiert an Politik (d.h. in ihrer instiutionalisierten Form, wie z.B. bei der Übernahme von Ämtern oder Parteimitgliedschaften). Besonders, was die Ausübung von Ämtern betrifft, sieht es im weiblichen Sektor nicht besonders rosig aus (vgl. Gender-Datenreport des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Punkt 6.6):

Die Bundeszentrale für politische Bildung führt an dieser Stelle an, dass Frauen historisch gesehen eher „junge“ Akteure in einem von Männern gestalteten System sind und diesbezüglich einen über 50-jährigen Erfahrungsvorsprung wettmachen müssen (zur Erinnerung: Frauen war bis Ende des 19. Jh die Mitgliedschaft in Parteien und bis 1919 die Wahrnehmung des Wahlrechts untersagt). Die folgende Graphik illustriert diesen Aufholprozess am Beispiel des prozentualen Frauenanteils der Bundestagsfraktionen. Man sieht eine Aufwärtstendenz, die nach dem schrittweisen Aufbrechen der traditionellen Rollenbilder der 50er Jahre in Schwung kam.

Dass Frauen nicht im Allgemeinen politisch weniger interessiert sind, zeigt deren hohe Wahlbeteiligung, die in den Altersklassen zwischen 20 und 60 Jahren die der Männer sogar leicht übersteigt (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010). Auch in sog. „unkonventionellen Bereichen“ (Demonstrationen, Mitarbeit in Bürgerinitiativen etc.) gleicht sich der Geschlechterunterschied an – 2004 engagierten sich 32% der Frauen und 39% der Männer, mit steigender Tendenz bei den Frauen und leicht sinkender bzw. stagnierender Tendenz bei den Männern (Gensicke, 2004). Demzufolge ist der Knackpunkt anscheinend weniger das mangelndes Interesse an politischer Arbeit per se, als vielmehr die Form, in der diese stattfindet.

Dass das weibliche Interesse an einer Parteimitgliedschaft dabei stark abhängig von den Positionen und der inneren Beschaffenheit der betreffenden Parteien zu sein scheint, ist an folgender Graphik erkennbar. Parteien können sich also offensichtlich so organisieren, dass sich nicht nur Menschen männlicher Sozialisierung angesprochen fühlen. Wie genau dies bei den Piraten aussehen könnte (und nein – hier müssen wir nicht notwendigerweise die Grünen kopieren) wird im Artikel “Frauen in der Piratenpartei” näher ins Visier genommen.

Ein weiterer Aspekt, der die Bereitschaft von weiblich sozialisierten Menschen an parteipolitischer Arbeit zu beeinflussen scheint und zu Anfang bereits angedeutet wurde, ist das (Nicht-)Vorhandensein konservativer Rollenbilder. Auffällig ist, dass in größeren Städten die prozentuale Beteiligung von Frauen in Kommunalparlamenten deutlich ansteigt. In diesem Rahmen wird auf den umgekehrt proportionalen Zusammenhang von politischer Aktivität und traditionellem Rollenverständnis hingewiesen, wobei letzteres mit der Größe der Gemeinde abnimmt.

 

In enger thematischer Verbindung dazu steht die unterschiedliche familiäre Abkömmlichkeit und daraus folgende zeitliche Flexibilität von Frauen und Männern. Gerade Kinderbetreuung kollidiert aufgrund der „durchgängigen Arbeitszeiten“ oft mit dem zeitaufwändigen ehrenamtlichen Engagement und der häufigen Präsenzpflicht, welche für die Wahl in ein politisches Amt notwendige Voraussetzungen darstellen. In einer der größten Umfragen auf diesem Gebiet zeigt sich ein Zusammenhang zwischen dem Alter des Kindes und dem politischen Engagement der Mutter, während ein solcher Zusammenhang bei Vätern nicht besteht. Diese Tendenz ist in den letzten Jahren leicht rückläufig, was vielversprechend, aber auch ausbaufähig ist. Auch ist das Engagement von Frauen unter 20 (einem Alter, in dem zumeist noch keine Familie gegründet wurde) gleichauf mit dem von Männern (Gensicke, 2004). Hier zeigt sich die Notwendigkeit einer Abkehr von traditionellen Rollenverteilungen, möchte man die Chance auf politische Teilhabe geschlechterunabhängig gerecht gestalten. Dies bedeutet nicht automatisch die Abkehr von dem Konzept Familie an sich, so wie konservative Stimmen gerne behaupten, sondern eine weniger normative, individueller gestaltbare Aufgabenzuweisung innerhalb einer Partnerschaft sowie ausreichen strukturelle Kompensationsmöglichkeiten (z.B. Kitas statt Betreuungsgeld). Im Zuge dieser Thematik steht auch eine Bearbeitung des Gender Pay Gaps an, welcher ganz klar Einfluss auf die Entscheidung nimmt, welcher Elternteil nach der Geburt des Kindes weiter arbeiten geht.

 

 

Auswirkung hat das Geschlecht auch auf die Art und Weise, mit der Männer und Frauen innerhalb von institutionalisierten, hauptsächlich männlich geprägten Parteigefügen behandelt werden. An Politikerinnen werden oft andere (höhere) Qualifikationsansprüche gestellt als an Politiker, da Frauen – besonders in sog. „nicht frauentypischen“ Inhaltsfeldern – ihre Kompetenz erst nachweisen müssen, während eine solche bei Männern tendenziell eher stillschweigend angenommen wird (Hoecker 1999). Damit stehen Frauen oft stärker auf dem Prüfstand, werden bei öffentlichen Auftritten anders befragt und häufig auch mit abwertenden Stereotypen konfrontiert. Im Politbetrieb erfolgen Ressortzuweisungen nicht selten stereotyp und untermauern damit vorhandene Klischees (zum Vergleich: die Anzahl der bisherigen Familienministerinnen vs. die Anzahl der bisherigen Außenministerinnen in der BRD). Dieses Prinzip erstreckt sich auch auf die Beurteilung tatsächlich erbrachter Leistungen, welche häufiger als bei Männern trivialisiert oder unsichtbar gemacht werden. Die unterschiedliche Berichterstattung über männliche und weibliche Politiker_innen durch die Medien stützt und verstärkt diese Klischees. Da zudem das Nominierungs- und Abstimmungsverhalten oft nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt, bestehen auf weiblicher Seite in solchen Fällen geringere Erfolgsaussichten bei gleicher Qualifikation (ebd.). Nach der groben Formel „Motivation = Anreiz x (subj.) Erfolgsaussicht“ ist damit neben tatsächlichen Hürden auch ein Motivationsverlust seitens weiblicher Kandidatinnen zu befürchten.

Stellt man sich die abschließend die anfangs erwähnte Frage, ob ein gleichverteiltes Politikinteresse über die Geschlechter, auch im Hinblick auf eine Mandatsübernahme, überhaupt im Bereich des Möglichen ist, so empfiehlt sich ein Blick auf das aktuell existierende Maximum. Dieses kennzeichnet, wie hoch eine Beteiligung unter vergleichsweise günstigen Bedingungen aussehen kann (wobei diese Größe noch kein absolutes oder gar endgültiges Maximum kennzeichnet – Potential nach oben kann hier nicht ausgeschlossen werden). Wie zu sehen ist, wirken sich regionalstaatliche Einflüsse enorm stark auf die Partizipation von Frauen an politischen Ämtern aus, wie aus dieser Auflistung der prozentualen Frauenanteile der Mitgliedsstaatenvertretung im Europäischen Parlament bzw. auf Kommunalebene deutlich wird:

 

Anmerkung: Die Länder werden nach dem Geschlechterproporz geordnet.
Quelle: elections2004

Anteil der Frauen als Ratsmitglieder in den regionalen/kommunalen Parlamenten der europäischen Länder (Quelle: Bundesministerium für FSFJ)

Es zeichnet sich ab, dass eine ausgewogene Geschlechterverteilung in der Politik ist nicht nur möglich ist, sondern auch nicht mit dem Wunsch nach Qualifikation kollidiert (es zeigt sich weder auf europäischer, noch auf regionaler Ebene ein Absinken des qualitativen Niveaus der Fraktionen mit höherem Frauenanteil). Auch geben diese Graphiken einen Hinweis darauf, dass eine geschlechtsspezifische biologische Komponente nicht als einflussnehmender Faktor zu werten ist. Denn gäbe es eine solche – z.B. in Form eines inhärent weiblichen Politikdesinteresses – , so müsste sie konsequenterweise auch unter den günstigsten externen Bedingungen (z.B. bei nicht-institutionellen Politikformen oder bei Mandatsübernahmen durch Schwedinnen) auftreten und dort eine Ungleichverteilung von politischer Partizipation über die Geschlechter bewirken. Dieser Umstand lässt sich aus den vorliegenden Daten jedoch nicht ablesen. Vielmehr scheint es die praktische Umsetzung politischer Arbeit zu sein, die einen gewaltigen Unterschied bei der Beteiligungsrate von Frauen verursacht. Das wiederum zieht diejenigen in Verantwortung, die das Zustandekommen dieser Umsetzung ermöglichen (PS: das sind wir). Wenn wir das System also schon rebooten, dann lasst uns die Chance nutzen, es so zu gestalten, dass alle Geschlechter daran teilhaben wollen und können (–> gerade für den Abbau hinderlicher Rollenklischees und In-Group-Out-Group-Mechanismen eignen sich die von der Piratenpartei aufgegriffenen genderdekonstruktivistischen Ansätze ganz hervorragend).

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Male Gaze in practice. Heute: Spon

Es begab sich, dass ich letztes Wochenende bei einem Workshop auf einer Konferenz mitwirkte. Der ging um gewaltfreie Kommunikation und es hatten sich einige Interessent*innen zu ihm eingefunden. Also, eigentlich trug ich reichlich wenig zu diesem Workshop bei.

Von mir kam nur ein dreiminütiger Motivationsvortrag nach der Einführung, in dem ich  berichtete, warum ich die Beschäftigung mit dem Thema wirklich hilfreich finde. Und dann habe ich später noch was mit vorgelesen, zwecks verteilter Rollen, und mich durch Notizen machen und aufräumen nützlich gemacht.

Die restlichen zweieinhalb Stunden intensiven Workshops wurden von der großartigen @spiel_trieb ganz wunderbar gemeistert. Als wir den Workshop angemeldet hatten, war klar, dass sie die Kompetenz mitbringen würde. Meine Aufgabe war es, Beistand zu leisten und einzugreifen, falls dominantes Redeverhalten durch Teilnehmer*innen auftreten sollte.

Nun war es auch so, dass während einer längeren Zeit ein Reporter von Spiegel Online zu Gast war. Der hatte sich auch als solcher vorgestellt und war mit ner Pause wohl ne gute Stunde da. Als dann sein Bericht über die Flauschcon erschien, war ich überrascht, dass da fast nen ganzer Absatz zu mir stand aber genau gar nichts zu ihr, die sie doch den Workshop gerissen hatte (und die jetzt beileibe auch nicht unauffällig rumläuft).

Dieses Lehrstück von struktureller Diskriminierung muss ich einfach dokumentieren. Zum einen, weil die Thematisierung wichtig ist. Und mir zum anderen das Schmücken mit fremden Federn nicht liegt. Denn ich find’s ne Frechheit, dass sie einfach mal nicht erwähnt wird. Dass ihr Einsatz gerade von jemanden nicht erfasst wurde, der sich auf die Beobachtung von Sachverhalten spezialisiert hat, spricht Bände.

Mag sein, dass es nur ein kleiner Kunstgriff sein sollte, um den Eindruck unterzubringen. Natürlich könnte ich jetzt auch ne Richtigstellung verlangen, aber der Artikel ist ja nu auch schon ein paar Tage alt und das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass wieder einmal einer jungen engagierten Frau der Eindruck vermittelt wurde, dass sie nicht ernst genommen wird. Ein weiterer kleiner Tropfen in der Wassertropfenfolter der strukturellen Diskriminierung.

Und die könnt ihr ohne mich machen, ich hab die Nase voll davon!

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Ich bin Alltagssexsist V2.0

Wir sind Alltagssexisten. Wir schauen Leuten auf Brüste und Hintern. In der U-Bahn, im Supermarkt oder auf der Straße. Werbung mit leichtbekleideten Menschen finden wir gut. Moment, anders: Sie spricht uns an. Einer von uns denkt “Mmmmh, sexy”, und die andere “Ja, sexy. Aber wie verdammt scheiße seh jetzt ich wieder im Vergleich aus?” Wir stören uns nicht an nackter Haut, da stehen wir drauf. Der ganz alltäglichen Objektifizierung können wir aber natürlich nichts abgewinnen.

Wenn uns Leute nach technischen Sachverhalten fragen, erklären wir anders, abhängig davon, ob ein Mann oder eine Frau fragt. Der eine verändert für Frauen das Niveau nach unten. Die andere wird bei Männern schneller ungeduldig. Außer bei Sexismus, weil sie da der Beitrag von Frauen mehr nervt als der von Männern. Weil sie glaubt, dass Frauen besser wissen, wie sich das anfühlt, und das dem ganzen eine andere Qualität gibt.

Einer von uns schaut beim Überholen der Trantüte vor ihm, ob das eine Frau ist. Der anderen fallen in der Zeit, die der Typ vor dem Haus zum Einparken braucht, siebenundzwanzig “Frau am Steuer”-Witze ein.

Sexismus nervt uns. Unser eigener und der von anderen. Jeden Tag und immer wieder. Und obendrein wirkt die Bezeichnung “Alltagssexismus” paradoxerweise auch noch verharmlosend.

Wir sehen diese Werbung eines Musikversands. In der oberen Bildhälfte spielt ein Mann Klavier, in der unteren Hälfte hat er eine Frau auf sich sitzen. “Play it” steht im oberen, “Feel it” im unteren Teil. Und eine von uns fragt sich, wieviele wohl merken, dass sich hier Frau zu Sex wie Klavier zu Musik verhält. Dann fragt jemand, ob diese Werbung überhaupt objektiv sexistisch sei,  und erklärt Diskussionen über Sexismus zu vermintem Gelände. Und eine von uns denkt, das könnte vielleicht an der Art liegen, wie Leute Fragen in den Raum stellen, ohne sich vorher zu informieren, was Sexismus überhaupt ist. Aber “Extrem-Sexisten” findet er auch schlimm. Und wir denken, den ganz alltäglichen Sexismus für irrelevant zu befinden ist aber der größere Teil des Problems.

Wir wollen Sexismus nicht reproduzieren. Wenn wir uns und andere in Förmchen stecken, die Fachleute Stereotypen nennen, stellen wir immer wieder fest, dass viele dieser Förmchen mit Wertungen verbunden sind, die den Menschen nicht gerecht werden. Aber trotzdem benutzen wir Stereotype überall und jederzeit. Und wenn wir Leute kennen lernen, und die nicht ins Klischee passen, hinterfragen wir nicht das Klischee, sondern machen sie zur Ausnahme von der so oft falschen Regel. Die sind ja gar nicht wie die anderen Frauen/Ausländer/Unterschichtler. Und wenn wir was merken, dann schämen wir uns.

Dann versuchen wir, besser aufzupassen und es besser zu machen. Aber Sexismus ist nicht immer einfach zu sehen und nicht darauf zu achten ist so viel bequemer.

Wir wissen, dass Sexismus ein strukturelles Problem ist, ein Problem, das über Dominanzausübung eine Geschlechterhierarchie schafft und aufrecht erhält. Dass Sexismus jedes “Hübscher Arsch, Uschi” ist, obwohl Uschi niemanden nach der Meinung über ihren Arsch gefragt hatte, jede “Männer sind so, Frauen sind so”-Verallgemeinerung, jedes Mal, wenn Frau beim Knutschen thematisiert wird, dass sie größer ist als er, all die Sandwich-Witze, die – ironisch oder auch nicht – davon ausgehen, dass das natürliche Soziotop der Frau die Küche ist, jeder Vorwurf von Stutenbissigkeit und Zickenkrieg, all die fehlenden Frauen in Chefetagen und Politik, das Gender Pay Gap, und jedes Mal, wenn sich bei konservativen Heteropärchen der Mann fürs Müll runterbringen toll vorkommt, jedes Schl–, -otze, Pussy, jeder aufgedrängte Körperkontakt, und all die “Tu doch nicht so tussig”, “Zieh dich halt nicht so an”, “Wie will die denn auf den Schuhen weglaufen?”, “Man muss denen einfach mal ‘nen Spruch drücken” und “Ich bin da nicht so empfindlich” Sprüche, und jeder Verhaltenstipp an Frauen, wie Sexismus zu vermeiden wäre. Weil das alles zeigt, wer am kürzeren Hebel sitzt und wer mit diesem doofen Hebel gucken muss, wie sie klar kommt. Und das alles ist Teil der sexistischen Matrix.

Darum haben wir den Schritt gemacht von “Was? Ich bin doch kein Sexist!?” hin zu “Doch, wir sind das, und das wird wahrscheinlich nie ganz aufhören”. Und wir versuchen, uns nicht angegriffen zu fühlen, wenn uns jemand auf was hinweist, weil wir daraus lernen.

Wir sind sexistisch, weil wir in einer strukturell sexistischen Gesellschaft leben. Und wir wissen, dass es kontraproduktiv ist, wenn wir uns von den gefühlt schlimmeren Sexisten abgrenzen, um uns ein bisschen besser zu fühlen. Weil sich dann jede_r Einzelne als überhaupt nicht schlimm sehen und so die sexistische Struktur aufrecht erhalten kann, denn was er oder sie beiträgt, macht ja keinen Unterschied. Aber wir glauben ja auch nicht, Rechte sind nur Schläger mit Glatze und Einzelfälle.

Wir sind @herrurbach und @acid23 und @sanczny. Wir sind Alltagssexisten und wir haben den Eindruck, dass ganz viele das Präfix “Alltag-” gründlich missverstanden haben, nämlich nicht auf die Verbreitung bezogen sondern als banal, trivial und nicht so schlimm.

Wir sind Alltagssexisten, aber wir arbeiten daran. Und wir wollen weder Lob noch Kekse, sondern dass Ihr das auch macht.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und erweiterte Version des Artikels “Ich bin Alltagssexist… aber ich arbeite dran”

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