Das Diversityproblem der Piratenpartei

 

Könnten Parteien eine Achillesferse haben, dann wäre es bei der Piratenpartei wohl die mangelnde Geschlechtervielfalt. Wenig andere Themen aus dem orangen Lager haben die Medien derart konstant in Atem gehalten und zu lautstarker (und berechtigter) Kritik von allen Seiten geführt. In der Genderdebatte verbinden sich Fragestellungen der eigenen Authentizität (Partizipation für Alle?) mit der zur Bundestagswahl 2013 hin relevanter werdenden Wähler_innenmobilisierung. Daher wollen sich die wenigsten damit abfinden, parteipolitisch derart an der Hälfte der Bevölkerung vorbeizuschrammen. Die Frage, die derzeit vielerorts mit steigender Frequenz gestellt wird, ist folgende: Was kann die Piratenpartei tun, um für Menschen aller Geschlechter attraktiver zu werden?

Kurzes Statement 
zum Argument, das Geschlecht wäre in unserer Partei doch egal, auch im Amt – würde Geschlecht *wirklich* keine Rolle spielen, so wären die Ämter, Posten und Partizipationen über die Geschlechter gleichverteilt. Sind sie aber nicht. Dafür kann es nur 2 Gründe geben.

  1. Entweder es gibt eine geschlechterimmanent verschiedene Befähigungs- u. Interessenverteilung – eine Analyse dazu gibt es in diesem Blogbeitrag
  2. Oder es herrschen Bedingungen, die eine gleichverteilte Partizipation erschweren – damit beschäftigen sich die Artikel zu Problemfeld 1, Problemfeld 2 und Problemfeld 3
PS:
Dieser Beitrag widmet sich aus zeitlichen Gründen dem reinen Genderproblem. Dass es andere Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft und damit auch der Piratenpartei gibt, die im politischen Betrieb ebenfalls marginalisiert sind, soll damit nicht ausgeblendet werden, deshalb weise ich explizit darauf hin. Ich ermutige jeden, der das mal analysieren möchte und biete meine tatkräftige Hilfe an.
Eine weitere Reduktion ist, dass in diesem Beitrag von „Frauen“ und „Männern“ gesprochen wird. Trotz Unvollständigkeit und Pauschalisierungsgefahr wird dieses Konstrukt aus 2 Gründen verwendet:
  1. Sämtliche Statistiken zum Thema sind gendertechnisch nur nach biologischen Männern und Frauen differenziert.
  2. Binäre Geschlechterkategorien spiegeln die aktuelle Lebensrealität der meisten Menschen in ihrem gesellschaftlichen Kontext wieder. Es ist so gut wie unmöglich, sich als soziales Wesen dieser Kategorisierung und ihrer Konsequenzen – formaler oder psychologischer Natur – zu entziehen. An dieser Stelle distanziere ich mich aber deutlich von biologistischen Konzepten, die solche Kategorien als genetisch inhärent sehen.
Der folgende Text versteht unter den Begriffen „Frau“ oder „Mann“ Menschen, die eine männliche oder weibliche Sozialisation erfahren haben (in unserer Gesellschaft meistens noch deckungsgleich mit dem biologischen Geschlecht). Dass solche Bezeichnungen Gruppen zusammenfassen, die in sich sehr heterogen sind und zu großen Teilen nicht den zugeschriebenen Mittelwerten entsprechen, ist hoffentlich klar. Die Verwendung von Mittelwerten ohne Angabe der Verteilungsvarianzen findet hier vor allem deshalb statt, weil auf diesen Zahlen üblicherweise die Rechtfertigung oder Ablehnung von Maßnahmen zur Umsetzung von Gendermainstreaming (=Strategien zur Verwirklichung gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe unabhängig vom Geschlecht) basiert. Die Rekonstruktion von Stereotypen ist somit nicht ausgeschlossen. Über Anregungen, wie sich das konkret hier ändern lässt, bin ich dankbar.
Ich hätte gern noch mehr zur Situation von Menschen mit queeren und/oder von Intersektionalität betroffenen Lebens-entwürfen in der Politik geschrieben, habe aber zu wenig Datenmaterial dazu gefunden. Falls jemandem entsprechende Infos vorliegen (gerne als Originalstudie), dann würde ich mich über einen Hinweis freuen (bitte @ling_rush). 

Nachdem im obig verlinkten Beitrag aufgezeigt wurde, dass unter den richtigen Umständen eine gleichberechtigte und gleichverteilte Partizipation von Frauen in politischen Strukturen erreicht werden kann – und wohl auch klar ist, dass dies im Sinne einer gerechten Interessenvertretung wünschenswert ist – soll untersucht werden, was die Umsetzung einer solchen Verteilung bei den Piraten erschwert.

Die Piratenpartei sieht sich drei Problemfeldern gegenüber, die je nach Gruppenzusammensetzung und Region in unterschiedlicher Intensität vorhanden sind und alle dazu beitragen, eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen zu blockieren.

Problemfeld 1: zu wenig Frauen in der Basis und eine Verhärtung des Ist-Zustandes
Problemfeld 2: im Vergleich zu Männern andere Behandlung der vorhandenen Frauen
Problemfeld 3: ein geringerer Prozentsatz kandidierender Frauen

 

Was können wir also tun, um diese Problemfelder zu bearbeiten? Hier ein paar Vorschläge:

  • erzeugt eine bessere Wertschätzung/Sichtbarkeit/Belohnung durch das Umfeld – klopft Frauen nach erbrachter Leistung auf die Schulter, schafft soziale Anreize für weibliches Engagement, ermutigt Frauen, in den Vordergrund zu treten, damit sie wissen, dass es gesellschaftlich gewünscht ist und ihr es ihnen zutraut, leitet Interviewanfragen etc. an sie weiter
  • forciert eine aktive Sichtbarmachung weiblicher Erfolge und Kompetenzen, verweist auf weibliche Leistungen, wenn ihr sie zitiert oder über sie berichtet bzw. weist Meidenvertreter auf euren Wunsch hin, beteiligte Frauen in die Berichterstattung miteinzubeziehen
  • sanktioniert Frauen nicht für rollenunkonformes Verhalten, lasst sie also Raum einnehmen, dominant sein und sich angemessen durchsetzen, ohnen ihnen einen Zickenstempel aufzudrücken oder sie zu ignorieren
  • macht Werbung für weibliche Neumitglieder (ähnlich wie das 50-50-Projekt bei den Grünen), bietet ggf. Mentoringprogramme für Neumitglieder an, die eine persönliche Integration in Piratenstrukturen gewährleisten
  • informiert über Solidarisierungsräume und genderspezifische Anlaufstellen, hebt Weiblichkeit (so wie sie zur Zeit noch definiert wird, aber unabhängig vom biol. Geschlecht) in der Piratenpartei vor (z.B. mit PiratenZeigenGesichtinnen und weiblichen “Speakerinnen” bei Medienanfragen)
  • ermutigt Frauen aktiv, für Ämter zu kandidieren, informiert über Beratungsangebote und Komptenenzerwerbs-Möglichkeiten (z.B. Medientraining), schlagt Frauen für Ämter vor
  • auch bei Werben um Wählerinnen gibt es viel PR-Potential nach oben, z.B. Projekte, bei denen Pirat*innen Umfragen bei Frauen machen, was diese sich bei den Piraten wünschen würden, um sich durch sie repräsentiert zu fühlen, welche Themen ihnen wichtig sind, was sie zur Zeit schlecht finden etc.
  • kontrolliert eure Diskussions- und Shitstormkultur selbstverantwortlich durch alle Mitglieder bzw. Moderation von Veranstaltungen, lasst das mit der dominanten Kommunikation sein! Dazu gehören auch Sensibilisierungskurse wie z.B. die Keinzelfall-Tagungen, die leider zur Zeit nur sehr spärlich besucht sind. Hier müsste ein Konzept für breitere Aufklärung her
  • durchbrecht dieses kontraproduktive Nerdpride-Image (das IMAGE, denn das suggeriert Ausschluss und schreckt ab), achtet auf besser *kommunizierte* Unterstützungsangebote zur digitalen/technischen Teilhabe, macht mehr PR für Einsteigerworkshops oder Tutorials in den verschiedenen Bereichen
  • Ergänzung des zur Zeit existierenden “IT-Profils” mit Sichtbarmachung unserer Teilhabe-/Bürgerrechts-/Gendermainstreaming-Themen. Für Frauen ist dieses Thema (notgedrungen) wirtschaftspolitisch und soziokulturell sehr relevant. Hier hat die PP schon gute Inhalte vorzuweisen (Anonymisierte Bewerbung zum Abbau von Diskriminierung, Abbau von Geschlechterrollen zugunsten individueller Entfaltung etc.). Das müsste mehr kommuniziert werden und könnte auch ausgebaut werden, z.B. über konkrete Vorschläge zum Abbau struktureller Diskriminierung und deutlicher medialer Positionierung zu medienwirksamen Inhalten, z.B. gegen das Betreuungsgeld
  • achtet als Gruppe darauf, dass Frauen nicht aus einer erlernten Automatik heraus untergebuttert werden (Frauen werden z.B. häufiger unterbrochen, ohne dass Beteiligte das so mitbekommen – hier drauf achten und ggf. freundlich darauf aufmerksam machen), lasst sie um Himmels Willen *ausreden*
  • zieht bei alldem das Geschlecht allerhöchstens als Indikator für ein bestimmtes Maßnahmenpotential heran, aber nie als Inhaltsersatz für die eigentlichen Kompetenzen und Inhalte – der Fokus sollte nicht auf der Tatsache liegen, dass eine Person eine Frau ist, sondern auf ihren Fähigkeiten und dem, was sie zu sagen hat
  • klärt breitflächig darüber auf, wie gering die Unterschiede in Interessen/Fähigkeiten und Veranlagungen zw. Männern und Frauen wirklich sind bzw. wie breitflächig beide Verteilungen streuen, so dass Geschlecht nicht als Prädiktor für bestimmte Eigenschaften herhalten kann
  • schätzt Frauen nicht per se als sensibler/schwächer/verletzlicher ein als Männer und beschützt sie nicht mit gutgemeinten Gentlemen-Handlungen. Wenn irgendwo etwas zu erledigen ist, dann lieber ein “Ich zeig dir mal, wie das geht” anstatt ein “Lass, ich mach das mal schnell für dich” (eine Beschützerhaltung einzunehmen ist nicht nur machtasymmetrisch, sondern verhindert auch die Ausprägung von Selbstwirksamkeitserleben und Unabhängigkeit bei den beschützten Personen) – mehr Empowerment bitte :)

 

Fazit: Es ist wichtig, das in der Öffentlichkeitswahrnehmung existierende Nerdpride-Image abzubauen und eine *aktiv kommunizierte* Willkommenskultur für Frauen und Queer zu erzeugen. Die niedrigschwelligen Partizipationsstrukturen innerhalb der Piratenpartei sind eigentlich ideal für eine Atmosphäre der Teilhabe und Inklusion gerade in Bezug auf Geschlechtervielfalt, weil weniger verknöcherte Traditionsgefüge, Gentlemens Clubs und Hierarchien als in anderen Parteien herrschen. Dieses Potential nicht zu nutzen wäre geradezu Verschwendung und einer “Mitmach”-Partei wie der unseren einfach nicht würdig. Dabei ist der Aufwand gar nicht so hoch, die Strukturen sind alle schon da – ein bisschen mehr Bewußtheit, Offenheit für Kritik und ein bisschen Wertschätzung reichen in vielen Fällen schon aus. Seid einfach sensibel in den einzelnen Situationen. Und egal, wie gut das im Einzelfall gelingt, probiert es einfach mal aus. Denn das einzige, das definitiv NICHT passieren sollte, ist, dass alles so weitergeht wie bisher.

 

PS: Da es dazu ein paar Fragen gab: Nerdpride ist etwas anderes als “Nerdigkeit” an sich (die meistens eine sehr originelle, liebenswürdige und kreative Eigenschaft ist). Mit Nerdpride ist an dieser Stelle eine Soziokultur gemeint, die andere Menschen durch barrierehaltige Strukturen (Insider-Memes, technisierte Sprache, hoher Digitalisierungsgrad der Kommunikation) ausschließt, weil diese im Rahmen ihrer Sozialisation tendenziell weniger/keinen Zugang zu entsprechendem Spezialwissen hatten (und das betrifft auch ältere oder sozioökonomisch benachteiligte Menschen). Auf die verbundenen, nicht steuerbaren Nachteile wird in Problemfeld 1 genauer eingegangen, ein Blogcomment von “Mch” auf netzpolitik.org illustriert das Ganze aus Betroffenensicht relativ anschaulich. Aber auch hier gibt es eine Tür, ohne sich verbiegen zu müssen – nämlich Wissen zu teilen und Offenheit bei der Gruppenaufnahme zu signalisieren (Ähnlich wie der zugehörige Artikel es tut). Á la: “Wir können das besser als ihr, und es ist auch ziemlich cool, aber wir bringens euch gerne bei.” Und das macht die Piratenpartei ja auch, es wird nur nicht (vor allem durch die Medien) KOMMUNIZIERT. Deswegen wird hier von Nerdpride-Image gesprochen. Die Aufforderung lautet also nicht, sich vom Nerdpride, oder gar vom Nerdtum an sich zu lösen (das wäre ja wohl sehr schade), sondern von einem Öffentlichkeits-Image, das einen falschen Eindruck von Exklusion und Machtungleichheit vermittelt.

 

 

 

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4 Antworten auf Das Diversityproblem der Piratenpartei

  1. mustard sagt:

    Warum sollen eigentlich die Piraten weniger “Nrdpride” zeigen? Das ist immerhin elementare Vorraussetzung für das Entstehen und die Erfolge der Piratenpartei.

    Sollte man nicht eher von den Frauen mehr Toleranz gegenüber Nerds erwarten?

    • Doro sagt:

      Nerdpride ist etwas anderes als “Nerdigkeit” an sich (die meistens eine sehr originelle, liebenswürdige und kreative Eigenschaft ist). Mit Nerdpride ist an dieser Stelle eine Soziokultur gemeint, die andere Menschen durch barrierehaltige Strukturen (Insider-Memes, technisierte Sprache, hoher Digitalisierungsgrad der Kommunikation) ausschließt, weil diese im Rahmen ihrer Sozialisation tendenziell weniger/keinen Zugang zu entsprechendem Spezialwissen hatten (und das betrifft auch ältere oder sozioökonomisch benachteiligte Menschen). Auf die verbundenen, nicht steuerbaren Nachteile wird in Problemfeld 1 genauer eingegangen. Und auch hier gibt es eine Tür, ohne sich verbiegen zu müssen – nämlich Wissen zu teilen und Offenheit bei der Gruppenaufnahme zu signalisieren. Á la: “Wir können das besser als ihr, und es ist auch ziemlich cool, aber wir bringens euch gerne bei.” Und das MACHT die Piratenpartei ja auch, es wird nur nicht (vor allem durch die Medien) KOMMUNIZIERT. Deswegen wird hier von Nerdpride-Image gesprochen. Die Aufforderung lautet also nicht, sich vom Nerdpride, oder gar vom Nerdtum an sich zu lösen (das wäre ja wohl sehr schade), sondern von einem Öffentlichkeits-Image, das einen falschen Eindruck von Exklusion und Machtungleichheit vermittelt.

      • mustard sagt:

        Niemand wird als Nerd geboren, und all das was diese Kultur ausmacht, kann sich jeder sehr leicht aneignen. Das kann auch jede Frau, die sind ja nicht doof.

        Was fehlt ist ein Ablegen der Scheu, und etwas mehr Offenheit gegenüber Anderem und fremden Kulturen.

        • Doro sagt:

          Definitiv kann sich das jede*r aneignen, aber die Scheu davor, deren Reduktion du dir wünschst (genau wie ich), wird halt maßgeblich davon beeinflusst, wieviel Offenheit die Hauptgruppe ausstrahlt. Das Problem ist ja grade, dass es komplizierter aussieht, als es tatsächlich ist, sich die Kulturelemente anzueignen (und nicht der Unwille zum Lernen/die mangelnde Offenheit das Problem ist, sondern das Gefühl, dass man das als Neuling evtl. nicht hinbekommt.). Hast du den oben empfohlenen Link gelesen, in dem die entsprechenden Mechanismen dargelegt werden? Welchem der dort aufgeführten Argumente würdest du widersprechen bzw. wo siehst du auf dieser Grundlage eine mangelnde Offenheit der pot. Neumitglieder?

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