Das Gender-Equality-Paradox

 

Im aktuellen Diskurs taucht in Film- oder Textform immer wieder ein als “Gender-Equality-Paradox” bezeichnetes Phänomen auf: Mit wachsendem Gender-Equality-Index eines Landes ist in bestimmten Bereiche wie z.B. der Berufswahl eine stärkere Angleichung an die Geschlechterstereotype zu beobachen, und nicht etwa erwartungsgemäß eine Abschwächung selbiger. Oft wird diese Entwicklung dahingehend interpretiert, dass mit wachsender “Freiheit” der Geschlechter innerhalb einer Gesellschaft eine stärker biologisch prädisponierte Ausprägung der geschlechterspezifischen Vorlieben stattfinden kann. Dieser Interpretation widersprechen wir vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes zum Thema und können vor allem der zu Grunde liegenden Prämisse, dass in Ländern mit hohem Gender-Equality-Index keine oder weniger Geschlechterrollen in der Gesellschaft existent wären, nicht zustimmen. Nur, weil es formal möglich ist, dass eine Frau Mechanikerin oder Firmenchefin wird, heißt das noch lange nicht, dass sich jahrhundertelang gewachsene, im kulturellen Gedächtnis verankerte Traditionen, Rollen, Klischees und Strukturen mitgewandelt haben oder überwunden sind. Das wäre in etwa so, als würde man die Existenz von Rassismus in Europa oder den USA bestreiten, nur weil Menschen unterschiedlicher Hautfarbe dort formell gleichgestellt sind.

Wer sich ins Bewußtsein ruft, wie stark Geschlechterstereotype z.B. in den Medien oder in der Konsumwelt und Spielzeugindustrie vermittelt werden, der kann sich leicht vorstellen, dass Menschen gerade in Ländern, wo Kinder und auch heranwachsende/erwachsene Menschen diese Medien und Konsumgüter hochfrequenter konsumieren (können), auch entsprechend stärker in ihrem Denken und Verhalten davon beeinflusst werden. Da gerade assoziativ angelegte, implizite Botschaften – solche, die beispielsweise in der Werbung mitschwingen – zum allergrößten Teil über Emotionsaktivierung unterbewußt verarbeitet werden, ist es auch schwer, sich gegen diese Manipulation zu wehren. Das Wirken von Geschlechterstereotypen in unserer Gesellschaft und die daraus folgenden schädlichen Auswirkungen auf die Biographien von Frauen und Männern ist in zahlreichen Studien deutlich nachgewiesen und auch in Ländern mit hohem Gender-Equality-Index klar präsent. So wird man z.B. auch unter den Frauen, die sich als emanzipiert bezeichnen, wenige finden, die sich dem von unserer Kultur gezeichneten frauenspezifischen Normen-und Wertesystem entziehen können, da ansonsten soziale Sanktionen drohen. Genauso wenig wandeln sich von heute auf morgen Strukturen, deren Reproduktion nachgewiesenermaßen nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt, oder verändern sich psychologische Gruppendynamiken, die über verschiedene Mechanismen aus Minderheiten keine Gleichverteilung werden lassen, sondern nach Konformität streben (wie z.B. hier).

All dies trägt dazu bei, dass vielleicht eine gesetzliche Gendergleichheit herrschen mag, die Geschlechterklischees in den Köpfen der Menschen aber so stark aktiviert sind wie zuvor, mit all den entsprechenden Konsequenzen. Die daraus folgenden Unterschiede in Verhalten und Interaktion dann (evolutions-)biologisch zu legitimieren, ist übrigens nicht nur kontraproduktiv, sondern auch wissenschaftlich nicht haltbar – in Kürze wird hierzu eine ausführliche und mit aktuellen Forschungsquellen belegte Gegendarstellung zu der gerade im Internet kursierenden norwegischen Dokumentation “Brainwash – The Gender Equality Paradox” erscheinen.

 

 

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34 Antworten auf Das Gender-Equality-Paradox

  1. Christian sagt:

    In Skandinavien ist nach dem zugrundeliegenden ROSE-Projekt der Unterschied besonders groß.

    Dort werden dann also deiner Meinung nach die Geschlechterklischees in den Köpfen der Menschen so stark aktiviert sind wie zuvor.

    Es sind gleichzeitig mit die feministischen Länder dieser Erde.

    Das passt doch hinten und vorne nicht zusammen.

    Kannst du das auch auf irgendwelche Studien stützen? Warum sollten gerade in Skandinavien die Geschlechterstereotype stärker aktiviert werden?
    Warum sollte gerade in den Ländern, die mit Geschlechterquoten voranpreschen die Medien eine so negative Wirkung haben?

    • Doro sagt:

      Lieber Christian,
      Das ist genau der Punkt, den ich darzulegen versuche: Skandinavien ist nicht “feministischer” als Deutschland, wenn es um die Prägung geht. Wenn es um formelle Dinge geht, natürlich schon: Skandinavien hat hervorragende Betreuungseinrichtungsquoten, einen besseren Lohn für von Frauen* dominierte Berufe und Quotenregelungen für Vorstände. Das alles macht es zu einer Region, in dem die Möglichkeiten formell offenstehen. Es besteht dadurch auch in keinster Weise ein “Druck”, sog. Männer*domänen zu erobern, weil ein Gender Pay Gap da wäre. Und nur, weil Skandinavien die Geschlechtergleichberechtigung sehr stark verfolgt, heißt das nicht, dass seine Linie genderdekonstruktivistisch wäre – es gibt auch Gleichberechtigungsbewegungen, die einen intrinsischen Unterschied zw. den Geschlechtern annehmen und nur versuchen, alle daraus erwachsenden Nachteile (Lohnunterschied zw. Branchen z.B.) zu eliminieren. Warum Frauen* in Skandinavien nicht das Bedürfnis dazu verspüren, den üblichen Geschlechterrollen zu entrinnen, bleibt also weiterhin offen. Auch Eia konnte mir mit seinen rosa angezogenen Töchtern und den von pinken Prinzessinnen und blauen Technikbaukästen überquellenden norwegischen Spielzeugwarenläden nicht den Eindruck vermitteln, dass die Geschlechterprägung in Skandinavien genderneutraler verläuft. Diesbezügliche Bemühungen gibt es seit kurzem erst wieder durch einen (!) Spielzeugkatalog und einen (!) Kindergarten in Schweden. Für Deutschland hingegen findest du im Roseprojekt Geschlechter-Werte, die für viele Bereiche erstaunlich nah zusammenliegen. Von Deutschland weiß man auch, dass durch die DDR-Politik (die in vieler Hinsicht menschenunwürdig war, ganz klar) nach der Wende ein Schwung relativ genderneutral geprägter Menschen in die Statistik floß. Ein Zusammenhang ist nicht beweisbar, bringt mich aber doch zum Nachdenken. Das würde z.B. erklären, warum Skandinavien gendergetrennter als Dtl. abschneidet. Der Punkt ist: Genderspezifische Prägung, gerade im Kindergartenalter, prägt Interessen und Selbsterwartungen a la “Kann ich das?” (die entsprechenden Studien kommen dann im Hauptbeitrag, keine Angst). Aus diesen Erwartungs-Unterschieden werden dann selbsterfüllende Prophezeihungen, die jedoch wenig reflektiert werden. Ob die sich auf die Berufswahl auswirken? Ich halte das für sehr wahrscheinlich. Mein Punkt ist: keine dieser Studien erhebt zusätzlich zum Gender-Equality-Index eines Landes auch nur EINMAL die Zustimmung der dort wohnenden Menschen zu Gendernormen (wie z.B. zur Annahme “Frauen sind empathischer als Männer”). DAS wäre aber meiner Ansicht nach der aussagekräftigere Einflussfaktor auf solche Outcomes wie die Berufswahl. Meine Vermutung wäre, dass diese in Skandinavien wie auch in anderen “forschrittlichen” Ländern weiterhin stark präsent sind. Wenn du dazu Studien findest, bin ich sehr gespannt.

      • Joachim sagt:

        Tatsächlich fragt Eia ziemlich am Anfang des Films die Krankenschwestern, warum es denn keine Männer unter ihnen gäbe und sie antworten recht stereotyp, dass das ja ein Frauenberuf sei. Es gibt also schon im Film Anzeichen dafür, dass des in Norwegen starke Rollencliches gibt.
        Das deckt sich auch mit meinen persönlichen Beobachtungen und Gesprächen in Schweden. Habe da schließlich ein paar Jahre gelebt und gearbeitet.

      • Christian sagt:

        “Warum Frauen* in Skandinavien nicht das Bedürfnis dazu verspüren, den üblichen Geschlechterrollen zu entrinnen, bleibt also weiterhin offen”

        Du listest diverse Maßnahmen auf, die in Skandinavien erfolgen und die der Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung dienen. Diese müssten dann ja eine Verbesserung bewirken.

        Joachim sagte dazu mal:
        http://www.scilogs.de/wblogs/blog/quantenwelt/ber-den-tellerrand/2012-09-12/nurture-als-nullhypothese

        Falls ich mich nicht irre, würden die messbaren Unterschiede geringer werden, wenn wir es schaffen, schwächer ausgeprägte Rollenbilder an die Kinder heranzutragen und Kinder – egal welchen Geschlechts – gleichermaßen zu fördern.

        In Skandinavien werden anhand der von dir selbst beschriebenen Maßnahmen schwächer ausgeprägte Rollenbilder an Kinder herangetragen als im patriarchischen Griechenland oder sicherlich auch im katholischen Polen. Die Polen bzw. Griechen, die ich kenne schilderten mir jedenfalls eine sehr starke Geschlechtertrennung und starke Rollenbilder. In beiden Ländern ist auch zB Homosexualität wesentlich stärker geächtet, in Griechenland ist es zB nach wie vor eine Familienschande. Das alles wäre nach Butler schon ein Anzeichen stärkerer Rollenbilder.

        “keine dieser Studien erhebt zusätzlich zum Gender-Equality-Index eines Landes auch nur EINMAL die Zustimmung der dort wohnenden Menschen zu Gendernormen (wie z.B. zur Annahme “Frauen sind empathischer als Männer”).”

        Also deine These ist, dass trotz all dieser Bemühungen Skandinavier, die die passenden Parteien wählen, die ein feministisches Programm haben, eher Gendernormen zustimmen als Griechen, Türken etc.
        Die konservativen Polen, die die skandinavischen Programme nicht haben hingegen, aber genau die gleichen Medien, überwinden dagegen die Geschlechternormen nicht.

        Einen Nachweis dafür hast du nicht, es widerspricht auch allen Vermutungen, die man dazu anstellen würde, aber die Gegenmeinungen sind “wissenschaftlich nicht haltbar”?

        Es klingt eher so als würdest du dich ohne Belege an eine Theorie klammern.

        “DAS wäre aber meiner Ansicht nach der aussagekräftigere Einflussfaktor auf solche Outcomes wie die Berufswahl. Meine Vermutung wäre, dass diese in Skandinavien wie auch in anderen “forschrittlichen” Ländern weiterhin stark präsent sind. Wenn du dazu Studien findest, bin ich sehr gespannt.”

        Es geht nicht um “stark präsent”. Sondern um stärker präsent als in Ländern mit deutlich stärkeren Rollen wie Griechenland oder der Türkei.

        Aber mal die direkte Frage:

        Wenn es solche Studien gibt und diese zeigen, dass die Skandinavier Geschlechternormen weniger stark zustimmen, würdest du dies dann als starkes Argument gegen die von dir und dem Genderfeminismus vertretenen Theorien sehen?

        • Doro sagt:

          Ob ich mich ohne wissenschaftliche Quellen an Thesen klammere, kannst du ja dann bald selbst beurteilen. An dieser Stelle schon darüber zu spekulieren ist reine Polemik. Deine biologischen Thesen erklären im Übrigen auch nicht, warum in Polen oder Deutschland der Unterschied kleiner ist als in Schweden, da dort Frauen ja auch nicht gezwungen werden, in technische Berufe zu gehen.

          Ich verweise *nochmal* darauf, dass die politischen Programme in Schweden keinen Einfluss auf die Genderrollenprägung der Bevölkerung nehmen, geschweige denn auf das Fernsehprogramm oder die Spielzeugindustrie. Wie sollten sie auch? Weiterhin sind Geschlechterrollen nicht in allen Ländern gleich. Das TEchnikinteresse, das im ROSE-Projekt untersucht wird, muss z.B. nicht unbedingt Teil einer Geschlechterrollenprägung in Griechenland sein. Nur weil es dort klar ist, welches Geschlecht das Familienoberhaupt hat, sagt das noch nichts über die Berufspräferenzen aus. Solche Dinge sind meiner Ansicht nach zu trennen. In anderen Ländern, wie Indien, haben Frauen auf der einen Seite viele Rechte (können z.B. in die Politik und Staatsoberhaupt werden), auf der anderen Seite herrscht ein starkes Patriarchat mit Mitgiftsystem, dem sich die Frauen unterordnen müssen. Die Ausprägung solcher kulturellen Systeme ist also immer verschieden und daher keineswegs vergleichbar, obwohl es in vielen Ländern, die kulturell ähnlich sind, auch große Ähnlichkeiten in den Genderroles gibt (z.B. Europa).

          Ich müsste Kulturwissenschaftlerin sein, um den genauen Hergang solcher Phänomene kausal nachzeichnen zu können. Was aber auszuschließen ist, wäre eine geschlechterspezfische genetische Komponente, da diese dann nämlich dazu führen würde, dass in KEINEM Land eine Gleichverteilung in Bereichen zustande kommt, die wir hier als männer- oder frauenspezifisch zuordnen. Das dies nicht der Fall ist (und im Roseprojekt werden zumeist eigene Interessen abgefragt, nicht Vernunftsentscheidungen zugunsten der familiären Finanzen), ist vorerst sachlich zu schlussfolgern, dass es sich hier nicht um eine menschheitsübergreifende Prädestination handeln kann. Es wäre mir lieb, wenn wir mit der Diskussion warten könnten, bis ich meine Argumente in vollem Ausmaß und mit Quellenbeleg vorbringen konnte (Ende März wie gesagt), sonst bewegen wir uns hier weiterhin im Spekulationsraum.

          • Christian sagt:

            “Was aber auszuschließen ist, wäre eine geschlechterspezfische genetische Komponente, da diese dann nämlich dazu führen würde, dass in KEINEM Land eine Gleichverteilung in Bereichen zustande kommt, die wir hier als männer- oder frauenspezifisch zuordnen”

            Das wäre richtig, wenn man determinierende Unterschiede sieht und nicht disponierende, die dann wieder gesellschaftlichen Einflüssen unterliegen. Dann hätte man bei Ländern mit viel Rollenfreiheit und hohem relativen Wohlstand mehr Ungleichheit als in Ländern mit geringer Rollenfreiheit aber Angewiesenheit auf zwei Jobs.

            Das würde dann so ziemlich genau zu dem Ergebnis führen, welches das ROSE-Projekt ergeben hat.

          • Doro sagt:

            Dass wir hier immer von disponierenden Eigenschaften sprechen, ist klar. Aber auch disponierende Faktoren schlagen sich in Mittelwertsunterschieden nieder, es sei denn, die Kultur wirkt der Disposition diametral entgegen. Dies ausgerechnet für Länder mit geringer Rollenfreiheit zu vermuten, halte ich für eine sehr gewagte Spekulation. Wo auf der Welt ist das überhaupt der Fall (dass Männer von klein auf zum Sozialen angeregt werden, und Mädchen zur Technik?). Auch einen Zweitjob kann man sich rollenkonform suchen, das hat damit nichts zu tun. Und würdest du wirklich sagen, dass Zimbabwe wirtschaftlich so viel besser dasteht als Uganda? Trotzdem unterscheiden sich beide Länder deutlich in den GEschlechterunterschieden. Dispositionen müssten sich im übrigen auch in Ländern niederschlagen, wo das Rollenbild für einen bestimmten Bereich, z.B. Wissenschaft, sehr aufgelöst ist (Dtl. wäre da sicherlich gut dabei). Hier sieht man aber eine weitgehende Ähnlichkeit der Geschlechter in der Präferenz. Das widerspricht deiner Deutung.

  2. Dummerjan sagt:

    “Genauso wenig wandeln sich von heute auf morgen Strukturen, deren Reproduktion nachgewiesenermaßen nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt, oder verändern sich psychologische Gruppendynamiken, die über verschiedene Mechanismen aus Minderheiten keine Gleichverteilung werden lassen, sondern nach Konformität streben (wie z.B. hier).”
    Ich entnehme diesem Passus, dass genau dann keine Genderklischees mehr vorliegen, wenn in jeder Tätigkeit gleich viele Frauen und Männer beschäftigt sind?
    Das ist aber unmöglich, da in Deutschland mehr Männer als Frauen erwerbstätig sind.
    Siehe: https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabelleErgebnis/12211-0001
    21,021 Mio Männern stehen 18,085 Mio Frauen gegenüber.
    Oder nimmt man die Erwerbspersonen – d.h. die potenziellen Erwerbstätigen:
    22, 425 Mio Männer vs. 19, 177 Mio. Frauen.
    Daher ist eine Gleichverteilung der Männer und Frauen auf die Berufe unmöglich.
    In welcher Form ist also das Kriterium für Nichtexistenz von Genderklischees auf dem Arbeitsmarkt zu formulieren, damit es auch einen realen Inhalt hat?

    • Doro sagt:

      Ich habe diesen Passus nicht so gemeint, falls du das erfragst. Er soll aussagen, dass Strukturen und Systeme dazu neigen, sich selbst zu erhalten und Ausnahmen zu eliminieren. Dass Geschlechtergerechtigkeit erst herrscht, wenn alle Berufe gleichverteilt von allen Geschlechtern besetzt sind, kann ich so nicht unterschreiben. Mir würde es schon reichen, wenn Menschen sich erstmal frei im Arbeitsfeld bewegen könnten, ohne von Vorurteilen oder herabsetzender Prägung eingeschränkt zu werden. Wie du schon richtig sagst, kann man das aber bis jetzt nicht an der Gleichverteilung in einem Gebiet festmachen. Als guter Kompromiss hat sich bis jetzt das Prinzip des “Best Practice” erwiesen, also z.B. Unterstützungsprogramme in Informatikstudiengängen, die Beratung für alle Studierenden anbieten, die subjektiv nicht der gefühlten “Norm” eines Informatikstudenten entsprechen und daher verunsichert sind. Die CMU (http://women.cs.cmu.edu/) konnte durch so ein Programm innerhalb weniger Jahre den Frauenanteil ihrer Absolventen auf 30% erhöhen. Solche Ergebnisse (auch in anderen Bereichen, wie Politik, sieht man Beispiele in Schweden, in denen Frauen ohne Quote ca. 50% der politisch Aktiven stellen) können dann vorerst als Richtwert dafür dienen, wieviel bei guter Förderung möglich ist.

      • Dummerjan sagt:

        Inwiefern kann man von Gleichberechtigung reden, wenn ein Teil der Personen besonders gefördert wird und der andere nicht?
        Was ist daran gerecht?
        Darüberhinaus fragt sich, inwiefern nach Absetzen der Förderung (= Einstieg ins Berufsleben) dann die entsprechenden Studienleistungen ins Berufsleben übertragbar sind.

        • Doro sagt:

          Die letzte Frage ist berechtigt – auch wenn man dort ebenfalls nicht methodisch sauber zwischen tatsächlicher Leistung und gläsener Decke trennen kann.

          Was deinen ersten Punkt betrifft: Wenn man davon ausgeht, dass ein Teil der Bevölkerung sozialisationsbedingt Wettbewerbsvorteile genießt (z.B. das Privileg, in der Jugend mit technischen Dingen zu spielen, einen Computer zu haben, Zeit für Hobbies zu haben) bzw. das Glück hat, einer bestimmten Norm zu entsprechen, dann ist eine Beratung der restlichen Gruppe, die diese Vorteile nicht genießen konnte, reine Kompensation. Es ist ja nicht so, dass diese Gruppe Zusatzunterricht bekommt oder so – lediglich Beratung a la: ist es schlimm, dass ich keine Vorerfahrungen habe, wie kann ich das effektiv nachholen, wo bringe ich in der Zeit mein Baby unter ” etc. Jetzt mal so pauschal gesagt, das wäre das Prinzip. Diese Art von Beratung steht natürlich auch den normentsprechenden Menschen zur Verfügung, die sie aber logischerweise nicht in Anspruch nehmen (z.B. weil sie eben technisch sehr gut sozialisiert sind und nicht das Gefühl haben, den Anforderungen nicht entsprechen zu können).

          • KaiserKarl sagt:

            @ Doro

            Zusaetzliche Foerderung sollte aber der bekommen der sie braucht und nicht weil jemand einer bestimmten Gruppe z.B. Geschlecht angehoert.

            Nicht jeder Junge hat in seiner Kindheit mit technischen Dingen oder Computer gespielt um mal bei den Klischees zu bleiben.

            Der Junge der dies nicht hat von der Foerderung ausschliessen?

            Wie siehst du das?

            Schoenen Abend noch

          • Doro sagt:

            Da hast du meine vollkommene Zustimmung. Ich bin sowohl aus Gründen der Gerechtigkeit (warum sollte man benachteiligte Jungen ausschließen), als auch aus Gründen der Geschlechterstigmatisierung nicht dafür, solche Maßnahmen rein am Geschlecht festzumachen. Es sollten konkrete Kriterien festgelegt sein, die eine “Benachteiligung” umreißen. Das gilt auch für berufliche Förderung, hier ist es ebenfalls erwiesen, dass Männer, die ein mit Femininität assoziiertes Verhalten an den Tag legen, ähnliche Problem im Karriereweg haben (sogar der Gender Pay Gap gilt für sie). Allerdings sollte man trotzdem sensibel dafür sein, dass in solchen Maßnahmen aufgrund ungleicher Sozialisationsverläufe evtl. ein Geschlecht überwiegt (das gilt auch umgekehrt, z.B. Lese- und Sprachtraining in der Vorschule, die männliche Zielgruppen ansprechen und für die Schule vorbereiten). Fazit: jede*r, di*er Förderung benötigt, soll sie auch bekommen, egal welchen Geschlechts (dann hat man auch das Problem nicht, transsexuelle Menschen ausschließen zu müssen).

      • Dummerjan sagt:

        “Ich habe diesen Passus nicht so gemeint, falls du das erfragst. Er soll aussagen, dass Strukturen und Systeme dazu neigen, sich selbst zu erhalten und Ausnahmen zu eliminieren. ”
        Wenn Du etwas nicht so meinst wie Du es schreibst wäre es hilfreich es so zu schreiben, wie Du es meinst.
        Ansonsten beinhaltet die Aussage “Dass Geschlechtergerechtigkeit erst herrscht, wenn alle Berufe gleichverteilt von allen Geschlechtern besetzt sind, kann ich so nicht unterschreiben”
        das exakte Gegenteil von
        “Genauso wenig wandeln sich von heute auf morgen Strukturen, deren Reproduktion nachgewiesenermaßen nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt, oder verändern sich psychologische Gruppendynamiken, die über verschiedene Mechanismen aus Minderheiten keine Gleichverteilung werden lassen, sondern nach Konformität streben (wie z.B. hier).”
        aus Deinem Text.
        Es ist ja durchaus legitim, dass Formulierungen erst einmal geschärft werden müssen, insofern hoffe ich dazu beigetragen zu haben, dass die Formulierungen
        a) klar
        b) verantwortlich und
        c) testbar
        werden.

        • Doro sagt:

          Ok, der Passus ist schwammig formuliert. Ich hätte Minderheiten durch “deutliche Minderheiten” ersetzen sollen, da meines Wissens nur bei solchen starken Ungleichgewichten die genannten Mechanismen wirklich deutlich zum tragen kommen. 30% Frauen in irgendeinem Bereich sind meiner Ansicht nach keine “Exoten” mehr. Falls das dem Verständnis hilft: Der Passus sollte darauf hinweisen, dass der Status Quo nicht sehr veränderungsfreudig ist, nur weil man auf einmal die Spielregeln formell freier gestaltet. Dass dies in einer Gleichverteilung münden muss, meine ich damit nicht.

          Meine comments hier und auch der obige Artikel erfüllen übrigens noch keinen wissenschafltichen Anspruch, da ich keine einzige Quelle nenne und auch keine Gedanken hinsichtlich möglicher Experimente äußere. Das kommt wie gesagt um den März herum, im Moment habe ich lediglich Zeit, lose Gedankenstränge aufzuschreiben.

          • KaiserKarl sagt:

            Ich bin gespannt. Immerhin kam es aufgrund des Filmes, wenn ich das richtig verstanden habe, dazu das es eine kritische Debatte um GM gab und auch ein Gender Institut geschlossen wurde.

            An der Wissenschaftlichkeit von Genderstudies wurde da doch arg gezweifelt.

            Ich habe es aber auch nur so halb mitbekommen. In den Medien in Deutschland wurde es ja nicht erwaehnt was mich schon etwas stutzig macht. Kann sein das es daran liegt das Norwegen nicht in der EU ist und sich die EU ja zum GM verpflichtet hat?

            Ich habe deine Seite mal in meine Lesezeichenliste aufgenommen.

          • Doro sagt:

            Ich persönlich war auch erstaunt, wie wenig Studien und Argumente die Genderforscher in dem Film wirklich hervorgebracht haben. Entweder sie hatten nix drauf oder die entsprechenden Stellen wurden rausgeschnitten, keine Ahnung. Es gibt generell zwei wissenschaftliche Ansatzpunkte in dem Gebiet: Entweder man nimmt sich die Studien vor, die eine biologische Prädisposition nachweisen wollen, und schaut sich die Größe der Effekte an (meistens sind sie recht klein, was ja auch einen Schluss auf die Stärke der Prädisposition zulässt), oder man zieht Sozialisationsstudien heran, in denen die Präferenzen von Menschen je nach Sozialisationsart differieren (oder auch je nach selbstbewußter Einstellung zum Thema, Aktivierung von Vorannahmen etc.).

            Das mit der Schließung des Genderforschungsinstitutes habe ich auch gehört, das konnte bis jetzt aber noch nicht verifiziert werden. Danke für dein Interesse, ich werde versuchen, diesem mit qualitativ hochwertigen Analysen gerecht zu werden. :)

          • KaiserKarl sagt:

            @ Doro

            Danke fuer die Antworten. Du scheinst ja fuer eine Feministin recht vernuenftig und fair zu sein :)

            Zu dem Fall mit dem Gender;

            Ich bin kein Wissenschaftler aber kann es nicht sein das beide, biologische und soziale Faktoren eine Rolle spielen?

            Die Biologie dabei ganz wegzulassen ist meiner Meinung nach der gleiche Suendenfall wie andersherum.

            Natuerlich spielt die Sozialisierung auch eine Rolle aber bist du der Meinung das dies alleine ausschlaggebend ist?

            Ich persoenlich halte Genderwissenschaften fuer Pseudowissenschaft und die Leute die sowas studieren und die Profs sollen in der Regel recht schraeg drauf sein habe ich mir sagen lassen. An meiner Uni gibt es ja auch den Studiengang.

            Das heisst noch lange nicht das ich gegen Gleichberechtigung bin.
            Oder das ich Schwulen und Lesben gleiche Rechte abspreche.

            Das Eine hat nicht mit dem anderen zu tun.

            Ich bin gespannt aber dauert ja noch bis Mars.

            Das allerdings Szenen rausgeschnitten wurden glaube ich nicht. Da haetten die Interviewten schon was dazu gesagt.

            Haben sie auch in einem spaeteren Interview aber nur das sie ueberrumpelt wurden usw. Aber nicht das ihre Saetze aus dem Zusammenhang gerissen wurden.

            Bis denn.

          • Doro sagt:

            Nach Überrumpelung sah das wirklich aus, das stimmt. Trotzdem wundert es mich, wie wenig tatsächliche Argumente bei den Genderforscher*innen aus dem Stehgreif verfügbar waren…Nun ja.

            Danke für dein Kompliment, aber so nehme ich tatsächlich die meisten Feminist*innen in meinem Umfeld wahr. Keine*r von denen würde sich für einen Grabenkampf zwischen Männern und Frauen aussprechen. Was deine Frage betrifft: Ja, ich bin auf jeden Fall der Ansicht, dass jeder Mensch sowohl von biologischen Faktoren als auch sozialer Prägung beeinflusst wird. Mein Punkt ist hauptsächlich, dass biologische Prägungen meist kleiner sind, als allgemein vermutet wird (das zeigt sich gut in den ganzen biologistischen Studien), und daher biologische Prädestinationen, die sich nachteilig auswirken könnten, gut per Prägung “ausgebügelt” werden können. Mein zweiter Punkt ist, dass diese biologischen Prädestinationen sich *zwischen den Geschlechtern* gar nicht so stark unterscheiden, wie aktuelle Stereotype das suggerieren, und dass biologische Unterschiede, die zu Anfang relativ klein sind, per Prägung entweder verschwinden könnten (ich rede hier vor allem von solchen, die zu tatsächlichen Nachteilen einer Gruppe in der Gesellschaft gereichen könnten, z.B. später Spracherwerb bei tendenziell mehr Jungen), oder aber die per Stereotyp – zum Nachteil des Individuums – verstärkt werden, siehe Bildungsverliererdebatte. Mein dritter Punkt schließt sich gleich an dieses Beispiel an, nämlich, dass die Übernahme von Geschlechterrollenbildern in manchen Fällen erst zu negativem Verhalten führt, obwohl dies nicht biologisch angelegt ist (z.B. zu schlechteren Bewertungen von Jungen seitens der Lehrer bei gleicher Leistung, wenn wenig strebsames Verhalten gezeigt wird, oder aber Homophobie, welche verschwindet, je progressiver das Geschlechterverständnis einer Person ist und je mehr homosexuelle Personen si*er kennt). All das spricht in meinen Augen für eine Abschaffung von Geschlechterrollen. Meine Vermutung, basierend auf den Daten, die mir bekannt sind, wäre, dass sich in sehr vielen Bereichen keine Geschlechterunterschiede mehr zeigen (so wie aktuell schon beim Jura- und Medizinstudium), wobei ich nicht ausschließen will, dass geschlechterspezifische (aber eher geringe) Mittelwertsunterschiede in manchen Bereichen weiterhin bestehen bleiben. Solange aber klar ist, dass es sich hier um einen Mittelwert mit einer breiten Varianz handelt, und das Geschlecht niemals ein sinnvoller Prädiktor dafür sein kann, ob eine Person etwas kann/mag (lassen wir das Kinderkriegen mal außen vor), dann habe ich damit auch kein Problem. Jedem Tierchen sein Pläsierchen quasi. Deshalb arbeite ich vornehmlich daran, den Mythos des komplett verschiedenen “Hardwire” in den jeweiligen Hirnen zu widerlegen und mich dafür einzusetzen, dass Menschen nicht durch überkommene Vorurteile in ihrer individuellen Entwicklung behindert werden (ob diese nun in Richtung Vorstandschefin geht oder in Richtung Kindergärtner, die *Möglichkeit* soll unverstellt und unsanktioniert bestehen).

            PS: ich danke dir ebenfalls, und zwar für deine respektvolle Art, zu kommentieren bzw. ein ehrliches Interesse an meiner Position zu haben. Eine so offene Einstellung haben nicht alle Kommentatoren hier zeigen können. Da macht das Antworten Spaß :)

  3. Dummerjan sagt:

    “sondern nach Konformität streben (wie z.B. hier).”
    Sorry, aber eine angestrebte “Gleichverteilung” bedeutet Konformität, hingegen deuten “Gruppierungen” aus Ausfdifferenzierungen einer Gesellschaft hin.
    Um es mit K,Cobain zu sagen “You laugh at me because I am different , I laugh at you because you all are equal”

    • Doro sagt:

      Oh, ich bin sehr für Differenzierungen. Ich habe bis jetzt allerdings noch nichts aus dem wissenschaftlichen Bereich gesehen, das mich davon überzeugen würde, dass diese Differenzierung nur zwischen Frauen und Männern, nicht aber innerhalb dieser Gruppierungen möglich ist. Im Gegenteil, vieles weist darauf hin, dass sowohl Frauen, als auch Männer (nur um bei diesen beiden zu bleiben) innerhalb ihres Geschlechtes unheimlich divers veranlagt sind und sich für alles Mögliche interessieren. Diese Interessen werden aber durch Gesellschaftsnormen eingeschränkt und tw. auch sanktioniert – und DAS ist die Konformität an der Sache. Und gegen diese verwehre ich mich als Verfechterin einer freien und unnormierten Entwicklung von Individuen.

      • Christian sagt:

        “Im Gegenteil, vieles weist darauf hin, dass sowohl Frauen, als auch Männer (nur um bei diesen beiden zu bleiben) innerhalb ihres Geschlechtes unheimlich divers veranlagt sind und sich für alles Mögliche interessieren. ”

        Diversität innerhalb der Geschlechter kann auch bei biologischen Erklärungen auftreten, ein einfaches Beispiel ist die Körpergröße. Wie man an dieser sieht gibt es dennoch Unterschiede über den Schnitt.

        “Diese Interessen werden aber durch Gesellschaftsnormen eingeschränkt und tw. auch sanktioniert – und DAS ist die Konformität an der Sache.”

        Dafür fehlen nur die Belege und es widerspricht zudem noch den Ergebnissen des ROSE-Projekts

        • Doro sagt:

          Die Ergebnisse des Rose-Projekts können auch durch unterschiedliche Prägung im Laufe des Heranwachsens zustande kommen. Die Gesellschaftsnormen sanktionieren nicht? Na dann geh mal als Frau mit unrasierten Beinen und Achseln auf die Straße :)

          Dein erstes Argument ist natürlich richtig. Ein Mittelwertsunterschied im Verhalten ist aber sehr viel schwerer einem Feld des nature oder nurture zuzuordnen. Da helfen dann statistische Auswertungen und Zusammenhangsmaße, die in den wenigsten Studien 5% Varianzaufklärung überschreiten.

          • Dummerjan sagt:

            ” 5%” Wieso zeigt ein R^2 von 5% irgend etwas besonders an? Oder ein Korrelationskoeffizient oder so was?
            Ist das irgendwie was Ausgedachtes?
            “Dein erstes Argument ist natürlich richtig. Ein Mittelwertsunterschied im Verhalten ist aber sehr viel schwerer einem Feld des nature oder nurture zuzuordnen. ”
            Es ist doch erst einmal zu operationalisieren, wie Verhalten derart in Variablen gepackt werden kann dass das überhaupt testbar ist.

          • Doro sagt:

            Ein R^2 von 5% ist die Größenordnung, in der sich die meisten Effekte von pränatalem Testosteron bewegen. D.h., der pränatale Testosteronspiegel, dem oft so viel Wirkung zugeschrieben wird, kann 95% der Varianz des in der jeweiligen Studie gemessenen Verhaltens nicht erklären.

            Wie man das Verhalten, das man messen will, überhaupt operationalisiert, ist tatsächlich ein Problem, da hast du vollkommen recht. Ich persönlich halte es auch für gewagt, von der Sekundenanzahl, die ein Baby auf ein Mobile guckt, auf die Präferenz für unbelebte Dinge zu schließen.

  4. Darf ich vorschlagen, nur um mal ein bisschen Ordnung in das Chaos zu bringen, bei der Debatte einfach mal zwei wesentliche Punkte zu unterscheiden:

    1) Sind Unterschiede im Berufswahlverhalten von Frauen und Männern genetisch disponiert oder durch die Gesellschaft geprägt? Die Nature vs. Nurture-Frage. Die Evolutionisten behaupten ersteres, die Feministen letzteres. Die Wahrheit dürfte wie so oft in der Mitte liegen.

    2) Sind die Unterschiede im Berufswahlverhalten durch gezielte politische Maßnahmen (aka Gender-Mainstreaming) abbaubar?

    Nur(!) in Bezug auf die zweite Frage gibt uns das Gender-Mainstreaming Paradox eine Antwort. Aber die ist eindeutig. Nein. Sie sind es nicht. Im Gegenteil, je mehr gezielte politische Maßnahmen betrieben werden, um so mehr driften offenbar die Spitzen der Verteilungen auseinander. Jetzt müsste man mal vielleicht noch andere Kausalzusammenhänge ausschließen (bspw. die Tatsache, dass es in skandinavischen Ländern im Winter früher dunkel ist und sich die Frauen bei freier Berufswahl eher Jobs suchen, bei denen sie im Hellen heimkommen. Oder Jobs, die für’s Sammeln von Maltebeeren bessere Arbeitszeiten aufweisen. Könnte ja alles sein. Nur der statistischen Sicherheit halber). Hat man das getan, so wird man, so steht zu vermuten, trotzdem zu dem Ergebnis kommen, dass Gender-Mainstreaming das im Ergebnis das genaue Gegenteil dessen erreicht, was es erreichen will.

    Dass die Ursache dafür aber sei, dass (so die Annahme der Evolutionisten) die genetische Veranlagung leichter zu Tage träte, wenn gesellschaftliche Zwänge (Nurture-Komponete) reduziert würden – ohne dabei ganz wegfallen zu müssen – ist damit aber noch nicht klar. Dies wäre ein klassisches Non-Sequitur. Es könnte nämlich genug andere Ursachen geben, die zunächst auszuschließen wären. Etwa dass schwedische Mädchen, die mit dreißig anderen Mädchen in den dank Gender-Mainstreaming überall vorhandenen Kinderkrippen aufwachsen, mehr Rosa-Plüsch-Lillifees zu sehen, wo sie noch bei Mutti zu Hause im Haushalt helfen müssen. Und viele Rosa-Plüsch-Lilllifees in der Kindheit sorgen bekanntlich (ich glaub jetzt mal einfach den Feministinnen, die sagen das ja immer) dafür, dass die Frauen dann später Krankenschwestern und Lehrerinnen werden.

    • Doro sagt:

      Wenn wir schon beim Differenzieren sind – das finde ich übrigens sehr gut – dann würde ich gern noch zwischen bestimmten Arten des Gendermainstreaming unterscheiden wollen. Meines Wissens gibt es Programme (hab irgendwo hier schonmal drauf verlinkt), die innerhalb weniger Jahre einen großen Erfolg zeigen, wie z.B. beim Frauenanteil in Informatikstudiengängen etc.. Da hilft Gendermainstreaming offenbar, wenn man es richtig anpackt. Es gibt aber auch unspezifisches Gendermainstreaming, z.B. Kita-Plätze en masse. Das führt dann dazu, dass frau besser arbeiten gehen kann, beeinflusst aber keine Richtung oder wirkt subjektiven Selbstannahmen entgegen. Immerhin sehe ich in Skandinavien schon einen Fortschritt: in der Politik sowie in vielen Studienfächern, die früher noch männlich dominiert waren (Jura, Medizin), ist der Frauenanteil inzwischen ziemlich hoch. Lediglich bei den Berufen, die auch *heute* noch als Frauen- bzw. Männerberufe deklariert sind, gibt es deutliche Unterrepräsentationen. Ich stimme dir zu, dass nurture in diesem Fall nicht auszuschließen ist, nature aber auch nicht. Was die Unwirksamkeit von Gendermainstreaming betrifft – da müsste man mal schauen, welche Maßnahmen Skandinavien mit welchem Ziel überhaupt implementiert, und wie der Vorher-Nachher-Vergleich aussieht.

      • KaiserKarl sagt:

        Meine Kritik an GM ist vor allem wie dieses Programm zustande gekommen ist: Top Down von der EU einfach zur Richtlinie und somit zum Gesetz.

        Die Frage ist doch ob man ueberhaupt messen kann ob es wirkt oder nicht.

        Sind mehr Frauen in Ingenieursberufen ein unbedingter Indikator fuer die Wirksamkeit? Und selbst wenn, sind die Frauen dann gluecklicher?

        Unabhaengig zu der Antwort muesste man auch eine plausible Erklaerung haben wieso im Iran sehr viele Frauen MINT studieren. Ohne Gender Mainstreaming. Und wieso das hier nur mit GM gehen soll oder muss?

        Das finde ich eine faszinierende Frage

        Wiederum unanhaengig von mancher Propaganda die im Moment ueber dieses Land erzaehlt wird.

        Du wirst lachen wenn du es nicht schon vorher wusstest aber im Iran gibt es mittlerweile Maennerquoten!!! fuer diese Studienfaecher.

        Wie findest du denn das? Das interessiert mich brennend.

        Ich meine die Wirksamkeit laesst sich nicht messen wie Geschwindigkeit.

        Laesst sich sowas wie Zufriedenheit ueberhaupt mathematisch erfassen?

        • Doro sagt:

          Ich finde diese Fragen auch sehr spannend. Ich würde gern mal ein paar Menschen aus diesen Ländern befragen, wie sie sich das erklären (ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen, die derart emanzipiert sind, dass sie studieren, dann von ihrer Familie in ein bestimmtes Studienfach gezwungen werden). Mein Spekulation – es ist reine Vermutung – wäre, dass die Sozialisation von Frauen in diesem Land ganz lange gar keine Bildung und Berufstätigkeit beinhaltete, so dass dort auch keine spezifischen Fachinteressen Teil der Erziehung sind. Auch weiß ich nicht, inwiefern das Spielzeug gegendert ist (ist die Pinkifizierung schon bis in den Iran gedrungen? Ich weiß es nicht). Eine andere Erklärung könnte sein, dass nur eine sehr gebildete, wohlhabende und progressive Schicht/Gruppe ihren Töchtern ein Studium gewähren kann oder erlaubt. Da die Übernahme von Rollenbildern mit steigendem Bildungsgrad abnimmt, und das erklärte Ziel dieser Frauen (vielleicht) ein weiteres Empowerment ist, könnte das in einer verstärkten Frequentierung von MINT-Fächern resultieren. Also allem, was Machtwissen und Gleichberechtigung verspricht. Ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass gerade in Anbetracht der Frauenbildungsgegner in diesem Land die Studienentscheidung einer Frau eine größere politische Komponente/Absicht beinhaltet, als z.B. in Deutschland, wo eher rein nach Vorlieben entschieden wird. Aber wie gesagt – ich habe nicht die geringste Ahnung. Würde mich tatsächlich auch brennend interessieren.

          Die Zufriedenheit kann man über repräsentative Umfragen schon sehr gut und differenziert erfassen. Es gibt ja auch so etwas wie “Glücksstudien”, wo, teilweise global, die Lebenszufriedenheit der Menschen erfasst wird und dann mit verschiedenen Variablen korreliert wird, wie z.B. Einkommen etc. Da gibts spannende Sachen. Messen könnte man also die Wirksamkeit und überhaupt erst den Bedarf, sich stärker in Berufen des jeweils anderen Geschlechts zu etablieren, meiner Ansicht nach am besten mit Best-Practice-Modellversuchen (also ne Weile gute Beratung und Willkommensatmosphäre anbieten, schauen, obs genutzt wird und mehr Menschen sich trauen, ihr Bedürfnis, dieses Fach zu studieren, auszuleben, wenn ja, dann mehr davon implementieren). Da diese nicht auf Zwang oder Anreizen basieren, sondern auf einem Abbau von Hemmschwellen, kann man damit eigentlich sehr gut feststellen, ob es Bedarfspotential gibt oder nicht.

  5. Dummerjan sagt:

    “Ein R^2 von 5% ist die Größenordnung, in der sich die meisten Effekte von pränatalem Testosteron bewegen. D.h., der pränatale Testosteronspiegel, dem oft so viel Wirkung zugeschrieben wird, kann 95% der Varianz des in der jeweiligen Studie gemessenen Verhaltens nicht erklären.”
    Ok. Du hast offensichtlich nur wenige bis gar keine Studien dazu gelesen – dort werden meist nichtparametrische Verfahren eingesetzt die auch andere Gütemaße verwenden.

    • Doro sagt:

      Tatsächlich beziehe ich mich auf Studien von Baron-Cohen, der im Film auch zitiert wird und in seinem Bereich als sehr renommiert gilt. Ich bin allerdings offen für die von dir angedeuteten Studien – du kannst sie mir gerne schicken und ich schau mal, ob die Effekte da in anderen Größenordnungen ausfallen. Wobei ich mich frage, warum du auf nichtparametrische Verfahren mehr vertraust…die stellen zwar weniger Anforderungen an die Verteilungsform und das Datenniveau, sind aber aus diesem Grund oft ungenauer. Wenn ein metrisches, normalverteiltes Datenniveau vorliegt, sind parametrische Tests nach meinem Wissenstand vorzuziehen (und Baron-Cohen hat sicherlich auch seine Gründe, warum er das in fast all seinen Studien so macht).

      PS: Ich bitte dich zum 2. Mal, auf deinen Tonfall zu achten. Unterstellungen und Bemerkungen in abwertendem Tonfall machen eine Diskussion nicht produktiv. Weitere Kommentare dieser Form werde ich (obwohl mir der Inhalt sehr willkommen ist), nicht mehr freischalten. Dieser Blog ist und bleibt ein von Respekt geprägter Raum des Gedankenaustauschs.

  6. schmu sagt:

    Hallo,

    ich bin seit einiger zeit interessiert was das Thema “gender” & Feminismus angeht, allerdings
    habe ich mich nicht auf akademischem Level damit beschäftigt.
    Bisher nehme ich an, dass “gender” vorallem eine Rolle ist, welche durch Sozialisierung, Kultur etc. angeeignet wird (und darüberhinaus aus politischen Gründen aufrechterhalten wurde/wird).

    Ich blicke derzeit sehr beunruhigt auf sogenannte “antifeministische” Organisationen etc., welche mich vorallem durch extrem misogyne Aussagen erschrecken.
    Daher wurde ich auch regelrecht durch viele Kommentare (naja, Internet eben) erschlagen welche im www so zu finden sind.
    Und vorallem der Film “Gender Equality Paradox” trug viel zu dieser Diskussion bei.

    Was mich derzeit interessiert ist: Spielt es eine derart große Rolle für die feministischen Ideen und gender theory heutzutage, dass es keine biologischen Unterschiede zwischen den “Geschlechtern” gibt?

    mal rein hypothetisch: wenn wissenschaftlich bewiesen wäre, dass es biologische Unterschiede gibt, die sich auf die Rollenverteilung von Mann/Frau/etc. auswirkt, was würde sich ändern im Hinblick auf “gender theory” heute?

    hoffe mein Beitrag ist nicht so verwirrend wie ich es gerade bin..

    lg

    • Doro sagt:

      Hey,
      schön, dass du dich für das Thema interessierst (wir nämlich auch) :) Deinen Annahmen kann ich soweit zustimmen. Was deine Frage betrifft: Ändern würde sich vermutlich, dass nicht mehr so viele Bemühungen in Richtung Gendermainstreaming betrieben würden (wenn Frauen* aus “biologischen Gründen” nicht technikinteressiert wären, dann müsste man pauschal gesagt auch keine Ermutigungsprogramme wie den “Girls Day”, mit dem Mädchen für technische Berufe interessiert werden sollen, durchführen). Eine biologische Erklärung der bestehenden Unterschiede hätte eine Legitimation zur Folge, a la – das ist halt genetisch so angelegt, da können wir nix mehr machen. Ein Problem ist aber, dass die Genderrollen ganz real zu Nachteilen für beide Geschlechter führen, was die freie Entfaltung für individuelle Vorlieben angeht (rollenunkonformes Verhalten wird halt gesellschaftlich oft sanktioniert), außerdem gibt es auch reale Probleme (genderkonforme Männer üben öfter Gewalt aus und werden auch öfter Opfer von Peergewalt oder gesundheitlichen Folgen ihres Karrierewunsches, Frauen wählen schlechter bezahlte Berufsfelder und geraten dadurch in Abhängigkeitsverhältnisse). Gerade, weil in der Vergangenheit bestehende gesellschaftl. Geschlechterungleichheiten auch biologisch begründet wurden (z.B. vor 150 Jahren hieß es noch, Frauen wären nicht intelligent genug für eine reguläre Schulbildung, weil ihre Gehirne kleiner seien) und es sich im Nachhinein IMMER als falsch herausgestellt hat, ist es auch heute sinnvoll, biologische Legitimationen für Unterschiede kritisch zu hinterfragen und nicht per se davon auszugehen. Der Film DGEP geht jedoch davon aus, dass gerade in Skandinavien die Freiheit der Geschlechter (von genderspezifischer Prägung) bereits erreicht sei, und alle Unterschiede dort nur noch biologisch bedingt seien. Das halte ich für eine sehr gewagte und auch gefährliche These, da die im Film zitierten Studien das eben NICHT in dieser Größenordnung nachweisen (dazu kommt dann ein Beitrag Ende März von uns). Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die heute beobachtbaren Unterschiede auch biologisch *beeinflusst* werden, aber nach den Studien, die ich dazu kenne, eben nur in kleinem Maße, welches die immer noch existierenden Unterschiede nicht erklären kann. Im Prinzip hängt vom Maß der biologischen Prädestination das Potential ab, das gesellschaftlich noch für Gleichstellungsbemühungen und Veränderungen da ist. In diesem Punkt kommt es nicht auf eine völlige “Gleichschaltung der Geschlechter” an, sondern auf eine maximale Entwicklungsfreiheit für jeden einzelnen Menschen, ohne dass seine gesellschaftliche Rolle durch sein Geschlecht vorgeschrieben wird. Ich hoffe, ich konnte deine Frage beantworten, ohne noch mehr Verwirrung zu stiften :)

      • schmu sagt:

        Hey, danke für deine Antwort.
        Hat mir einiges an Klarheit verschafft.
        Ich denke ebenso, dass mit dem Film die falsche Annahme gemacht wird, dass es keine gesellschaftl./finanziellen Unterschiede zwischen Geschlechtern in Norwegen gibt.
        Meiner Meinung nach ist die Ungleichheit noch zu sehr in den Köpfen verankert, als das gesetzliche Änderungen (wenn auch sehr gute) daran etwas in so kurzer Zeit ändern könnten.
        Und bezogen auf die Berufswelt wird der “glass escalator/ceiling” Effekt vermutlich nicht nur durch das Angleichen der Gehälter reguliert.
        Deine letze Aussage “kommt es nicht auf eine völlige “Gleichschaltung der Geschlechter” an, sondern auf eine maximale Entwicklungsfreiheit für jeden einzelnen Menschen” find ich sehr treffend. Mit dem Argument sollte auch einigen die nach dem Film denken, dass Feminismus aufgrund biologischer Differenzen keine Daseinsberechtigung hat, der Wind aus den Segeln genommen werden können.

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