Frauen* und ihr Interesse an der Politik

 

Die Beteiligung von Frauen in der Piratenpartei steht im Kontext weiblichen Engagements in der Politik allgemein. Oft trifft mensch dann in Debatten zum Thema auf folgenden Satz: „Frauen interessieren sich nun mal nicht so sehr für Politik!“ Mit diesem Argument wird oft versucht, bestehende Ungleichheiten zu legitimieren und zum Teil auch auf unveränderliche biologische Gegebenheiten zurückzuführen. Dies entlässt die solchermaßen Denkenden dann praktischerweise aus der Verantwortung, Anstrengungen zur Herstellung von  geschlechtergerechten Gestaltungschancen zu unternehmen. Da es hier aber um einen enorm wichtigen Teilhabebereich geht, ist es entscheidend, solche pauschalen Verteidigungspositionen kritisch zu hinterfragen und sich die tatsächlich vorliegenden Daten einmal näher anzuschauen.

Betrachtet man die politische Landschaft der BRD in ihrer Gesamtheit, dann fällt auf, dass Frauen gerade in Parteistrukturen unterrepräsentiert sind. Auch was die politische Arbeit betrifft, gibt es Mittelwerts-unterschiede zwischen den Geschlechtern: nach einer Umfrage des Allensbacher Instituts zeigen sich rund 60% der Männer, aber nur 40% der Frauen interessiert an Politik (d.h. in ihrer instiutionalisierten Form, wie z.B. bei der Übernahme von Ämtern oder Parteimitgliedschaften). Besonders, was die Ausübung von Ämtern betrifft, sieht es im weiblichen Sektor nicht besonders rosig aus (vgl. Gender-Datenreport des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Punkt 6.6):

Die Bundeszentrale für politische Bildung führt an dieser Stelle an, dass Frauen historisch gesehen eher „junge“ Akteure in einem von Männern gestalteten System sind und diesbezüglich einen über 50-jährigen Erfahrungsvorsprung wettmachen müssen (zur Erinnerung: Frauen war bis Ende des 19. Jh die Mitgliedschaft in Parteien und bis 1919 die Wahrnehmung des Wahlrechts untersagt). Die folgende Graphik illustriert diesen Aufholprozess am Beispiel des prozentualen Frauenanteils der Bundestagsfraktionen. Man sieht eine Aufwärtstendenz, die nach dem schrittweisen Aufbrechen der traditionellen Rollenbilder der 50er Jahre in Schwung kam.

Dass Frauen nicht im Allgemeinen politisch weniger interessiert sind, zeigt deren hohe Wahlbeteiligung, die in den Altersklassen zwischen 20 und 60 Jahren die der Männer sogar leicht übersteigt (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010). Auch in sog. „unkonventionellen Bereichen“ (Demonstrationen, Mitarbeit in Bürgerinitiativen etc.) gleicht sich der Geschlechterunterschied an – 2004 engagierten sich 32% der Frauen und 39% der Männer, mit steigender Tendenz bei den Frauen und leicht sinkender bzw. stagnierender Tendenz bei den Männern (Gensicke, 2004). Demzufolge ist der Knackpunkt anscheinend weniger das mangelndes Interesse an politischer Arbeit per se, als vielmehr die Form, in der diese stattfindet.

Dass das weibliche Interesse an einer Parteimitgliedschaft dabei stark abhängig von den Positionen und der inneren Beschaffenheit der betreffenden Parteien zu sein scheint, ist an folgender Graphik erkennbar. Parteien können sich also offensichtlich so organisieren, dass sich nicht nur Menschen männlicher Sozialisierung angesprochen fühlen. Wie genau dies bei den Piraten aussehen könnte (und nein – hier müssen wir nicht notwendigerweise die Grünen kopieren) wird im Artikel “Frauen in der Piratenpartei” näher ins Visier genommen.

Ein weiterer Aspekt, der die Bereitschaft von weiblich sozialisierten Menschen an parteipolitischer Arbeit zu beeinflussen scheint und zu Anfang bereits angedeutet wurde, ist das (Nicht-)Vorhandensein konservativer Rollenbilder. Auffällig ist, dass in größeren Städten die prozentuale Beteiligung von Frauen in Kommunalparlamenten deutlich ansteigt. In diesem Rahmen wird auf den umgekehrt proportionalen Zusammenhang von politischer Aktivität und traditionellem Rollenverständnis hingewiesen, wobei letzteres mit der Größe der Gemeinde abnimmt.

 

In enger thematischer Verbindung dazu steht die unterschiedliche familiäre Abkömmlichkeit und daraus folgende zeitliche Flexibilität von Frauen und Männern. Gerade Kinderbetreuung kollidiert aufgrund der „durchgängigen Arbeitszeiten“ oft mit dem zeitaufwändigen ehrenamtlichen Engagement und der häufigen Präsenzpflicht, welche für die Wahl in ein politisches Amt notwendige Voraussetzungen darstellen. In einer der größten Umfragen auf diesem Gebiet zeigt sich ein Zusammenhang zwischen dem Alter des Kindes und dem politischen Engagement der Mutter, während ein solcher Zusammenhang bei Vätern nicht besteht. Diese Tendenz ist in den letzten Jahren leicht rückläufig, was vielversprechend, aber auch ausbaufähig ist. Auch ist das Engagement von Frauen unter 20 (einem Alter, in dem zumeist noch keine Familie gegründet wurde) gleichauf mit dem von Männern (Gensicke, 2004). Hier zeigt sich die Notwendigkeit einer Abkehr von traditionellen Rollenverteilungen, möchte man die Chance auf politische Teilhabe geschlechterunabhängig gerecht gestalten. Dies bedeutet nicht automatisch die Abkehr von dem Konzept Familie an sich, so wie konservative Stimmen gerne behaupten, sondern eine weniger normative, individueller gestaltbare Aufgabenzuweisung innerhalb einer Partnerschaft sowie ausreichen strukturelle Kompensationsmöglichkeiten (z.B. Kitas statt Betreuungsgeld). Im Zuge dieser Thematik steht auch eine Bearbeitung des Gender Pay Gaps an, welcher ganz klar Einfluss auf die Entscheidung nimmt, welcher Elternteil nach der Geburt des Kindes weiter arbeiten geht.

 

 

Auswirkung hat das Geschlecht auch auf die Art und Weise, mit der Männer und Frauen innerhalb von institutionalisierten, hauptsächlich männlich geprägten Parteigefügen behandelt werden. An Politikerinnen werden oft andere (höhere) Qualifikationsansprüche gestellt als an Politiker, da Frauen – besonders in sog. „nicht frauentypischen“ Inhaltsfeldern – ihre Kompetenz erst nachweisen müssen, während eine solche bei Männern tendenziell eher stillschweigend angenommen wird (Hoecker 1999). Damit stehen Frauen oft stärker auf dem Prüfstand, werden bei öffentlichen Auftritten anders befragt und häufig auch mit abwertenden Stereotypen konfrontiert. Im Politbetrieb erfolgen Ressortzuweisungen nicht selten stereotyp und untermauern damit vorhandene Klischees (zum Vergleich: die Anzahl der bisherigen Familienministerinnen vs. die Anzahl der bisherigen Außenministerinnen in der BRD). Dieses Prinzip erstreckt sich auch auf die Beurteilung tatsächlich erbrachter Leistungen, welche häufiger als bei Männern trivialisiert oder unsichtbar gemacht werden. Die unterschiedliche Berichterstattung über männliche und weibliche Politiker_innen durch die Medien stützt und verstärkt diese Klischees. Da zudem das Nominierungs- und Abstimmungsverhalten oft nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt, bestehen auf weiblicher Seite in solchen Fällen geringere Erfolgsaussichten bei gleicher Qualifikation (ebd.). Nach der groben Formel „Motivation = Anreiz x (subj.) Erfolgsaussicht“ ist damit neben tatsächlichen Hürden auch ein Motivationsverlust seitens weiblicher Kandidatinnen zu befürchten.

Stellt man sich die abschließend die anfangs erwähnte Frage, ob ein gleichverteiltes Politikinteresse über die Geschlechter, auch im Hinblick auf eine Mandatsübernahme, überhaupt im Bereich des Möglichen ist, so empfiehlt sich ein Blick auf das aktuell existierende Maximum. Dieses kennzeichnet, wie hoch eine Beteiligung unter vergleichsweise günstigen Bedingungen aussehen kann (wobei diese Größe noch kein absolutes oder gar endgültiges Maximum kennzeichnet – Potential nach oben kann hier nicht ausgeschlossen werden). Wie zu sehen ist, wirken sich regionalstaatliche Einflüsse enorm stark auf die Partizipation von Frauen an politischen Ämtern aus, wie aus dieser Auflistung der prozentualen Frauenanteile der Mitgliedsstaatenvertretung im Europäischen Parlament bzw. auf Kommunalebene deutlich wird:

 

Anmerkung: Die Länder werden nach dem Geschlechterproporz geordnet.
Quelle: elections2004

Anteil der Frauen als Ratsmitglieder in den regionalen/kommunalen Parlamenten der europäischen Länder (Quelle: Bundesministerium für FSFJ)

Es zeichnet sich ab, dass eine ausgewogene Geschlechterverteilung in der Politik ist nicht nur möglich ist, sondern auch nicht mit dem Wunsch nach Qualifikation kollidiert (es zeigt sich weder auf europäischer, noch auf regionaler Ebene ein Absinken des qualitativen Niveaus der Fraktionen mit höherem Frauenanteil). Auch geben diese Graphiken einen Hinweis darauf, dass eine geschlechtsspezifische biologische Komponente nicht als einflussnehmender Faktor zu werten ist. Denn gäbe es eine solche – z.B. in Form eines inhärent weiblichen Politikdesinteresses – , so müsste sie konsequenterweise auch unter den günstigsten externen Bedingungen (z.B. bei nicht-institutionellen Politikformen oder bei Mandatsübernahmen durch Schwedinnen) auftreten und dort eine Ungleichverteilung von politischer Partizipation über die Geschlechter bewirken. Dieser Umstand lässt sich aus den vorliegenden Daten jedoch nicht ablesen. Vielmehr scheint es die praktische Umsetzung politischer Arbeit zu sein, die einen gewaltigen Unterschied bei der Beteiligungsrate von Frauen verursacht. Das wiederum zieht diejenigen in Verantwortung, die das Zustandekommen dieser Umsetzung ermöglichen (PS: das sind wir). Wenn wir das System also schon rebooten, dann lasst uns die Chance nutzen, es so zu gestalten, dass alle Geschlechter daran teilhaben wollen und können (–> gerade für den Abbau hinderlicher Rollenklischees und In-Group-Out-Group-Mechanismen eignen sich die von der Piratenpartei aufgegriffenen genderdekonstruktivistischen Ansätze ganz hervorragend).

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Eine Antwort auf Frauen* und ihr Interesse an der Politik

  1. gemeingeheim sagt:

    Wohl kein Zufall, wenn im internationalen Vergleich genau die Länder mit guten außerfamiliären Kinderbetreuungsangeboten (Frankreich, Schweden, Norwegen, Finnland) an der Spitze der Statistik stehen.

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