Grenzgängerin – Feministin in der Piratenpartei

Irgendwann im Sommer/Herbst 2011 wurden die Piraten für mich interessant. Unangenehme Fragen stellen und den Finger in die Wunde legen, dabei rotzfrech und auch optisch nicht immer Mainstream. Was in der Presse oft lächerlich dargestellt wurde, löste einen bei mir typischen Reflex aus: So wie auf den Piraten herumgehackt wurde, musste ich mir die mal näher anschauen. Vielleicht schreibe ich irgendwann mal eine Liebeserklärung an die Piratenpartei. Was mich insgesamt von der Partei überzeugte, soll aber heute nicht Thema sein.
Trotz Übereinstimmung bei vielen Themen, gab es einen Punkt, der mich störte und den ich auch heute immer wieder höre: “Piraten? Das sind doch die mit dem Frauenproblem!”
Ich, die ich mich seit Jahren als Feministin bezeichne, kann doch keine Partei gut finden, die von sich sagt, postgender zu sein.
Im März 2012 wurde der Landtag hier in NRW aufgelöst. Plötzlich standen für Mai Neuwahlen an und ich musste mich damit auseinandersetzen, was ich denn wählen will. Und ich sage es hier ganz ehrlich: Wirklich final entschieden habe ich mich am Tag der Wahl – für die Piraten. Und ich habe die Partei dann nicht nur gewählt, ich bin sechs Wochen später eingetreten.

Seit diesem Tag habe ich das Gefühl, ich muss mich auf zwei Seiten, die mir sehr wichtig sind, rechtfertigen. Ich bin Feministin und ich bin Piratin. Beides bin ich mit viel Leidenschaft und beides ist sehr sehr anstrengend. Gender ist mein Lieblingsthema und deswegen ist das auch in der Partei meine Nische. Ich kenne sehr viele Leute, die genauso denken wie ich. Das Wolke 7-Gefühl wird dann jäh gestört, sobald ich mich aus meiner Filterbubble herausbewege. Die Piraten sind da nur Spiegel der Gesellschaft – Feminist_innen kennen wohl genau, was ich da beschreibe.
Ich fühle mich manchmal wie eine Grenzgängerin – stets bemüht, auf beiden Seiten zu vermitteln und mich und meine Ansichten verständlich zu machen. An manchen Tagen will ich das alles einfach nur hinwerfen. Dann wird mir das zuviel und ich habe das Gefühl, dem nervlich und emotional nicht standhalten zu können. Ewig gleiche Diskussionen mit Menschen, die ich für ansonsten schlau und spannend finde. Aber wir versammeln so unheimlich kluge Köpfe in der Partei. Ich bin in sehr empowernden Gendernetzwerken aktiv, entwickle meine eigenen Ansichten weiter und merke, dass ich manchmal vorher skeptische Leute zum Nachdenken anregen kann.
Feministin sein ist nicht als der widerstandsloseste Lebensweg der Welt bekannt – Mitglied der Piratenpartei zu sein ebensowenig. Ich bin aber froh sagen zu können, dass ich beides die meiste Zeit gerne bin.

Für piratenkritische Feminist_innen und feminismuskritische Pirat_innen:
* Die Piraten sind nicht postgender. Das steht nirgendwo, das wurde niemals beschlossen. Vielmehr wurde mittlerweile das Gegenteil abgestimmt: “Der Begriff ‘postgender’ entstammt weder einem der Programme noch einer internenen Debatte der Piratenpartei, außerdem ist er schwammig und mehrdeutig, es fehlt eine klare Definition. Vielmehr beruht die Zuschreibung dieses Adjektivs auf einem Bericht der taz. Jens Seipenbusch, dem das Zitat “Wir sind postgender.” in den Mund gelegt wurde, konnte die taz dazu bewegen, es als Zitat aus dem Artikel zu entfernen, trotzdem blieben die Autoren bei der Zuschreibung. Zu diesem Zeitpunkt hatte es jedoch bereits als angebliche Selbstbeschreibung der Piratenpartei breiten Eingang in die mediale Berichterstattung gefunden.” Quelle
* Ich habe mir erklären lassen, aus Sicht vieler Pirat_innen sieht Feminismus aus wie Lobbyismus für ein Geschlecht und würde deshalb diesen unrefelktierten Beißreflex auslösen. Heutzutage ist bei Feminismus meistens die Rede von Postfeminismus und dekonstruktivistischem Feminismus. Die Binarität der Geschlechter wird generell in Frage gestellt, somit setzen diese Feminist_innen sich in der Regel für die Gleichstellung aller Geschlechter ein. Hinzu kommt der Einsatz gegen weitere, oft verschränkte Diskriminierungsformen (Klasse, Hautfarbe usw.). 
* Wir setzen uns als Piratenpartei für Menschenrechte ein. Frauenrechte sind ein Teil der Menschenrechte. Dass für das Einräumen von Menschenrechten ein paar Leute ein paar Privilegien ablegen müssen, sollte okay sein und verlangen wir als Partei ja auch an anderen Stellen des Lebens.
* Warum es Feminismus heißt, hat @acid23 bereits erklärt.
* Die Partei hat ein sehr fortschrittliches Geschlechter- und Familienprogramm. Würde es das nicht geben, wäre ich niemals beigetreten.
* Man darf sich in der Piratenpartei Piratin nennen – das wollen nur viele Pirat_innen nicht glauben ;-) In der Satzung steht: “Die in der Piratenpartei Deutschland organisierten Mitglieder werden geschlechtsneutral als Piraten bezeichnet.” Da steht aber nicht, dass die Mitglieder der Partei sich nicht nennen dürften, wie sie möchten – das würde irgendwie auch so allem widersprechen, was wir uns auf die Fahne geschrieben haben. Dass da steht, generisches Maskulinum wäre geschlechtsneutral, darüber müssen wir nochmal diskutieren, dem stimme ich absolut nicht zu.
* Es gibt innerhalb der Piratenpartei diverse Netzwerke, die sich mit Genderpolitik beschäftigen – der “feministische Untergrund” (harhar!) ist also aktiv.

Unwissenheit und daraus resultierende Vorurteile gibt es auf beiden Seiten und beide Seiten würden davon profitieren, sich nicht auf Medienberichte und Populärwissenschaften zu verlassen.
Denkt selbst und habt keine Angst voreinander.

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