Ich bin Alltagssexsist V2.0

Wir sind Alltagssexisten. Wir schauen Leuten auf Brüste und Hintern. In der U-Bahn, im Supermarkt oder auf der Straße. Werbung mit leichtbekleideten Menschen finden wir gut. Moment, anders: Sie spricht uns an. Einer von uns denkt “Mmmmh, sexy”, und die andere “Ja, sexy. Aber wie verdammt scheiße seh jetzt ich wieder im Vergleich aus?” Wir stören uns nicht an nackter Haut, da stehen wir drauf. Der ganz alltäglichen Objektifizierung können wir aber natürlich nichts abgewinnen.

Wenn uns Leute nach technischen Sachverhalten fragen, erklären wir anders, abhängig davon, ob ein Mann oder eine Frau fragt. Der eine verändert für Frauen das Niveau nach unten. Die andere wird bei Männern schneller ungeduldig. Außer bei Sexismus, weil sie da der Beitrag von Frauen mehr nervt als der von Männern. Weil sie glaubt, dass Frauen besser wissen, wie sich das anfühlt, und das dem ganzen eine andere Qualität gibt.

Einer von uns schaut beim Überholen der Trantüte vor ihm, ob das eine Frau ist. Der anderen fallen in der Zeit, die der Typ vor dem Haus zum Einparken braucht, siebenundzwanzig “Frau am Steuer”-Witze ein.

Sexismus nervt uns. Unser eigener und der von anderen. Jeden Tag und immer wieder. Und obendrein wirkt die Bezeichnung “Alltagssexismus” paradoxerweise auch noch verharmlosend.

Wir sehen diese Werbung eines Musikversands. In der oberen Bildhälfte spielt ein Mann Klavier, in der unteren Hälfte hat er eine Frau auf sich sitzen. “Play it” steht im oberen, “Feel it” im unteren Teil. Und eine von uns fragt sich, wieviele wohl merken, dass sich hier Frau zu Sex wie Klavier zu Musik verhält. Dann fragt jemand, ob diese Werbung überhaupt objektiv sexistisch sei,  und erklärt Diskussionen über Sexismus zu vermintem Gelände. Und eine von uns denkt, das könnte vielleicht an der Art liegen, wie Leute Fragen in den Raum stellen, ohne sich vorher zu informieren, was Sexismus überhaupt ist. Aber “Extrem-Sexisten” findet er auch schlimm. Und wir denken, den ganz alltäglichen Sexismus für irrelevant zu befinden ist aber der größere Teil des Problems.

Wir wollen Sexismus nicht reproduzieren. Wenn wir uns und andere in Förmchen stecken, die Fachleute Stereotypen nennen, stellen wir immer wieder fest, dass viele dieser Förmchen mit Wertungen verbunden sind, die den Menschen nicht gerecht werden. Aber trotzdem benutzen wir Stereotype überall und jederzeit. Und wenn wir Leute kennen lernen, und die nicht ins Klischee passen, hinterfragen wir nicht das Klischee, sondern machen sie zur Ausnahme von der so oft falschen Regel. Die sind ja gar nicht wie die anderen Frauen/Ausländer/Unterschichtler. Und wenn wir was merken, dann schämen wir uns.

Dann versuchen wir, besser aufzupassen und es besser zu machen. Aber Sexismus ist nicht immer einfach zu sehen und nicht darauf zu achten ist so viel bequemer.

Wir wissen, dass Sexismus ein strukturelles Problem ist, ein Problem, das über Dominanzausübung eine Geschlechterhierarchie schafft und aufrecht erhält. Dass Sexismus jedes “Hübscher Arsch, Uschi” ist, obwohl Uschi niemanden nach der Meinung über ihren Arsch gefragt hatte, jede “Männer sind so, Frauen sind so”-Verallgemeinerung, jedes Mal, wenn Frau beim Knutschen thematisiert wird, dass sie größer ist als er, all die Sandwich-Witze, die – ironisch oder auch nicht – davon ausgehen, dass das natürliche Soziotop der Frau die Küche ist, jeder Vorwurf von Stutenbissigkeit und Zickenkrieg, all die fehlenden Frauen in Chefetagen und Politik, das Gender Pay Gap, und jedes Mal, wenn sich bei konservativen Heteropärchen der Mann fürs Müll runterbringen toll vorkommt, jedes Schl–, -otze, Pussy, jeder aufgedrängte Körperkontakt, und all die “Tu doch nicht so tussig”, “Zieh dich halt nicht so an”, “Wie will die denn auf den Schuhen weglaufen?”, “Man muss denen einfach mal ‘nen Spruch drücken” und “Ich bin da nicht so empfindlich” Sprüche, und jeder Verhaltenstipp an Frauen, wie Sexismus zu vermeiden wäre. Weil das alles zeigt, wer am kürzeren Hebel sitzt und wer mit diesem doofen Hebel gucken muss, wie sie klar kommt. Und das alles ist Teil der sexistischen Matrix.

Darum haben wir den Schritt gemacht von “Was? Ich bin doch kein Sexist!?” hin zu “Doch, wir sind das, und das wird wahrscheinlich nie ganz aufhören”. Und wir versuchen, uns nicht angegriffen zu fühlen, wenn uns jemand auf was hinweist, weil wir daraus lernen.

Wir sind sexistisch, weil wir in einer strukturell sexistischen Gesellschaft leben. Und wir wissen, dass es kontraproduktiv ist, wenn wir uns von den gefühlt schlimmeren Sexisten abgrenzen, um uns ein bisschen besser zu fühlen. Weil sich dann jede_r Einzelne als überhaupt nicht schlimm sehen und so die sexistische Struktur aufrecht erhalten kann, denn was er oder sie beiträgt, macht ja keinen Unterschied. Aber wir glauben ja auch nicht, Rechte sind nur Schläger mit Glatze und Einzelfälle.

Wir sind @herrurbach und @acid23 und @sanczny. Wir sind Alltagssexisten und wir haben den Eindruck, dass ganz viele das Präfix “Alltag-” gründlich missverstanden haben, nämlich nicht auf die Verbreitung bezogen sondern als banal, trivial und nicht so schlimm.

Wir sind Alltagssexisten, aber wir arbeiten daran. Und wir wollen weder Lob noch Kekse, sondern dass Ihr das auch macht.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und erweiterte Version des Artikels “Ich bin Alltagssexist… aber ich arbeite dran”

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4 Antworten auf Ich bin Alltagssexsist V2.0

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  3. charly sagt:

    Gut!

    Wie war das noch? “Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung!” oder so. ^^
    :)

    Ich bin zwar auch sexistisch und halte einige Aspekte daran für legitim, aber ich find den prinzipiellen Ansatz sehr gut erstmal einzusehen Teil von etwas zu sein, bevor man es verändern kann (wenn man es verändern möchte).

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