Gendern in Texten

Diese Seite verwendet den Gender*stern. Du findest, das sieht komisch aus und stört deinen Lesefluss? Keine Sorge – du wirst merken, dass du dich daran gewöhnst, wenn du es nur oft genug liest (eine Lernleistung, die dein Gehirn mit allen ungewohnten Wörtern oder Sonderzeichen vollbringt, siehe z.B. #Hashtag). Wir können dich außerdem beruhigen – weder dein Leseverständnis noch deine Lesegeschwindigkeit wird darunter leiden (Braun et al., 2007). Du findest den Stern immer noch störend und würdest dich mit einem Text im generischen Maskulinum wohler fühlen? Dann lass uns kurz erklären, warum wir dir den kleinen Zusatz trotzdem zumuten.

Wird ein Text im generischen Maskulinum geschrieben, dann werden die Protagonist*innen des Textes automatisch als Männer interpretiert. Eine diesbezügliche empirische Befundlage findet sich schön zusammengefasst hier. Wenn also gelesen wird: “Die Ärzte laufen den Gang hinunter und diskutieren dabei die nächste Operation”, so entsteht im Kopf der meisten Menschen ohne aktives Zutun ein Bild, in dem mehrere Männer mit weißen Kitteln einen Krankenhausgang entlanglaufen und miteinander reden. Dieser Eindruck wird erst revidiert, wenn etwas im Text steht, dass eindeutig als “weiblich” dekodiert wird, z.B.: “Die Ärzte laufen den Gang hinunter, biegen dann aber nocheinmal in die Damentoilette ab.” Dann – und erst dann – erfolgt eine Uminterpretation seitens des Gehirns und das Bild wird differenziert. Nun ist es aber so, dass die meisten Texte keine solchen Stolpersteine enthalten. Da wird geredet von Senatoren oder von Politikern, von Vorsitzenden und Beauftragten, die irgendetwas Fachspezifisches tun. Werden dabei nicht alle Gruppenmitglieder einzeln genannt, so dass am Namen das Geschlecht ersichtlich werden kann, dann sind das in der mitlaufenden Visualisierung Männer. Das wiederum knüpft auf neuronaler Ebene Assoziationen: Arzt – Mann, Politiker – Mann etc., wobei diese Assoziationen mit jedem Lesen eines derart gestalteten Textes erneut geknüpft und verstärkt werden. Diese Zuordnungen fallen umso drastischer aus, als eine Verwendung des generischen Maskulinums nicht konsequent erfolgt – kein Mensch spricht im alltäglichen Leben von Haushältern, Putzmännern oder Kindergärtnern. Das generische Maskulinum macht Menschen nicht-männlichen Geschlechts also in den meisten Kompetenzbereichen unsichtbar und diese damit zu gefühlten “Männerdomänen”.

Solche Abgrenzungen und unterbewußten Assoziationen haben starken Einfluss darauf, für wie kompetent wir eine Person in einem Bereich halten, der nicht explizit “weiblich” assoziiert ist. Lässt man z.B. eine repräsentative Anzahl von Versuchspersonen im experimentellen Setting wählen, ob sie einen relativ neutralen, auf der mittleren Ebene angesiedelten Posten in ihrer fiktiven Firma ausschließlich auf Grundlage der ihnen vorliegenden (konstruierten) Lebensläufe lieber mit dem männlichen (fiktiven) Bewerber oder der weiblichen (fiktiven) Bewerberin besetzen wollen, dann entscheiden sich diese Personen – egal welchen Geschlechts – häufiger für den männlichen Bewerber. Und das unabhängig von der vorliegenden Vita, denn diese wurden zwischen dem männlichen und der weiblichen Bewerber_in immer per Zufall hin und her getauscht.  Erklärt wird die eigene Personal-Entscheidung von den Versuchspersonen jedoch trotzdem über die Vita (egal welche es war), der Einfluss des Bewerber_innengeschlechts auf das Urteil ist also nicht bewußt verfügbar oder ist zumindest nicht Teil der rationalen Begründung. Fragt man die Personen nocheinmal explizit, ob das Geschlecht der Bewerber_in eine Rolle bei der Entscheidung gespielt habe, verneinen diese das und verweisen darauf, dass einfach die Qualifikation des männlichen Bewerbers besser gewesen sei.

Es scheinen also Beurteilungsmuster zu bestehen, die Männlichkeit als Pluspunkt in die Kompetenzwertung einfließen lassen. Dieses Vorurteil wird durch den stetigen Gebrauch des generischen Maskulinums über oben genannte Mechanismen konstant gefestigt – die Geschlechtervielfalt aller kompetenten Menschen findet damit langsameren oder keinen Eingang in die Köpfe. Aus diesem Grund halten wir es für extrem wichtig, Menschen JEDEN Geschlechts in sämtlichen Kompetenzbereichen sichtbar zu machen, um einseitige Assoziationsmuster zu durchbrechen und neue zu schaffen. Und weil diese entscheidend über Sprache entstehen, fangen wir mit dieser Sichtbarmachung auch in der Sprache an.

Aber warum verwenden wir ausgerechnet den Genderstern? Der Genderstern symbolisiert alle Geschlechterentwürfe, die sich nicht dem Femininum oder Maskulinum zuordnen können und schließt damit auch Menschen ein, die sich nicht als männlich oder weiblich definieren. Auch das ist natürlich suboptimal, allerdings ist es besser als nichts. Solange keine neutrale Version der deutschen Sprache existiert, müssen wir Kompromisse finden, die ein relatives Maximum an Inklusion mit den Möglichkeiten erzeugt, die uns zur Zeit zur Verfügung stehen. Hier sind übrigens die Blogartikel ausgenommen, die unter dem Label der künstlerischen Kreativität laufen und aus stilistischen Überlegungen heraus auch das generische Femininum und alle möglichen Arten von Gendertechniken enthalten. Der Rest der Seite läuft über den Stern (oder soll es zumindest, wenn euch Patzer auffallen, bitte schreiben). Über besser funktionierende Alternativen freuen wir uns natürlich. Und bis dahin: entspannt euch. Es ist ein kleines Sternchen, das werdet ihr schon überleben.

 

Eine Antwort auf Gendern in Texten

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