Kommunikationskultur

Warum ist ein zivilisierter Umgang unter Pirat_innen notwendig?

Abgesehen davon, dass sie mehr Spaß macht, erhöht sie vor allem Effizienz und Teilhabe. Das hat den Vorteil, dass in Diskussionen Zeit gespart wird (Argumente werden nicht so oft wiederholt, Debatten bleiben sachlicher/zielorientierter und gleiten nicht in Streit oder Selbstdarstellung ab, Teilnehmer hören sich gegenseitig zu und können Beiträge besser aufeinander aufbauen) und zudem mehr Ideen eingebracht werden können (da sich der Pool der Menschen, die zu Wort kommen, erweitert). Von diesen Vorteilen könnte die Piratenpartei in besonderem Maß profitieren. Nicht, weil wir ein aggressiveres Kommunikationsverhalten als andere Parteien an den Tag legen, sondern weil wir im Gegensatz zu diesen wesentlich mehr diskutieren (müssen und wollen). Wir merken bereits jetzt, wie anstrengend Basisdemokratie sein kann und wie unproduktiv viele Debatten verlaufen. Der Jenaer Dipl.-Soz. Müller drückt es in einem recht harschen Artikel folgendermaßen aus:

"Aber die Partei ist derzeit, von 45 parlamentarischen Mandaten abgesehen, auf nichts, als auf Engagement und Idealismus gebaut. So schnell wie sie verschleißt nicht einmal die CDU ihre Köpfe und Hoffnungen."

Dabei sind Zeit und psychische Gesundheit extrem wichtige Ressourcen in einer Partei, die sich fast ausschließlich durch ehrenamtliche politische Arbeit und Ideengebung weiterentwickelt. Wenn wir uns nicht selbst ins Aus schießen wollen (und zur Zeit haben wir aufgrund unseres erhöhten Diskussionsaufkommens einen Selektionsnachteil im Vergleich zu hierarchischer geprägten Parteien), dann müssen wir lernen, besser mit diesen Ressourcen umzugehen.

Darüber hinaus ist das Ganze eine Frage unserer Authentizität als Partei, die für gesellschaftliche Teilhabe stehen möchte. Kommunikation spielt für die anhaltende engagierte Partizipation von Menschen mit bestimmten Sozialisationshintergrund/ gesellschaftlichen Positionen nachweislich eine entscheidende Rolle. Untersuchungen zeigen, dass Frauen* und Menschen mit Migrationshintergrund* sich in unmoderierten Online-Räumen nach einer Anfangsphase der hohen Beteiligung schrittweise aufgrund des abwertenden Tonfalls/persönlicher Angriffe zurückziehen (Fietkau & Trénel, 2003). In Online-Räumen mit Moderator_innen bzw. aktiven Admins konnten keine solchen Entwicklungen beobachtet werden.

In Anbetracht all dieser Punkte ist eine Überarbeitung unserer Streitkultur dringend notwendig.  

 

Funktionierende* Vorschläge für bessere Kommunikation
* in der Praxis getestet und für gut befunden

  1. Auf Basis oben genannter Studienlage ist die Ernennung von Moderator*innen im digitalen wie analogen Raum immens wichtig – bei jedem Crewtreffen, auf jeder Mailingliste, auf jeder Veranstaltung. Was auf den ersten Blick vielleicht umständlich klingt, hat sich auf unseren Squad-Treffen grandios bewährt, auch in Sachen Effizienz. Wobei natürlich das Beste ist: Jede*r kommt zu Wort, während die Atmosphäre entspannt und kreativ bleibt.
  2. Gleichzeitig ist es unerlässlich, sich selbst und andere Gruppenmitglieder immer wieder im Blick zu behalten und Ausfälle zu sanktionieren. Schützt euch gegenseitig und wehrt euch bestimmt und sachlich, wenn irgendwo Verbalmüll auftaucht (dazu gehören aggressive Strategien genauso wie -istische Witze). Je mehr Gruppenmitglieder das pro Vorfall umsetzen, desto schneller kapiert es der Troll. Diesbezüglich ist Wissen um Kommunikations- und Aggressionsmechanismen wertvoll. Um Zeit und Nerven zu sparen, gibt es dazu eine nummerierte Zusammenfassung gewalthaltiger Kommunikationsstrategien mit Erklärbärkommentaren (gerne zur freien Verwendung – feel free to copy&paste). Meistens führt es zu eine dauerhaft veränderten Gruppendynamik, wenn genug Mitglieder sensibilisiert sind und konsequent auf solche Sachen achten.
  3. Wenn das einmal alles nicht funktionieren sollte, ist zum Zwecke der seelischen Gesundheit von Zeit zu Zeit auch ein “Urlaub” in Filterbubbles ganz erholsam. Falls ihr einmal vor Kommunikationsproblemen steht, bei denen ihr euch Unterstützung oder Feedback wünscht, könnt ihr uns gern kontaktieren – wir bieten im Rahmen unserer zeitlichen Kapazitäten kostenlos Workshops für gewaltfreie Kommunikation, persönliche Beratung, psychologische Tips und Mediation an.
  4. Das Annehmen von Kritik macht eine*n nicht schuldig, sondern hinterlässt einen ziemlich guten und reifen Eindruck. Sehen kann man das an diesem Paradebeispiel aus Piratenkreisen (und wenn ihr mir nicht glaubt, lest die comments)…