Problemfeld 1

Der geringe Frauenanteil in der Piratenpartei (schätzungsweise 15%) ist vermutlich multifaktoriell bedingt. Über die wahren Gründe lässt sich nur spekulieren. Vielen kommt an dieser Stelle das Standardargument in den Sinn, Frauen seien nun einmal (sozialisationsbedingt) nicht so technikaffin wie Männer und daher einer Partei, die einen derart stereotypen IT-Ruf wie die Piratenpartei hat, weniger stark gewogen. Hier sollte differenziert werden. Die Wähler*innen der Piratenpartei waren bis jetzt geschlechtlich relativ gleich verteilt, ca. 45% von ihnen waren weiblich. Ein Interesse an den Themen und Inhalten der Piratenpartei ist also auch bei Frauen definitiv vorhanden. Umso mehr erstaunt es, dass so wenige von ihnen bei uns *mitmachen* wollen. Ich halte es für einen großen Fehler, die Schuld bei den Frauen selbst zu suchen und die Situation mit einem achselzuckenden “Die wollen halt nicht.” abzutun. Vielmehr scheint diese große Diskrepanz zwischen Themensympathie und mangelnder Partizipation (angesichts der bereits dargestellten prinzipiell vorhandenen Bereitschaft) an pirateninternen sozialen und formellen Strukturen zu liegen. Ich glaube, dass wir viel gewinnen könnten, wenn wir uns kritisch unter die Lupe nehmen und überlegen, was wir in dieser Hinsicht verbessern können. Das halte ich nicht nur für unsere moralische Verantwortung, wenn wir schon Barrierefreiheit in allen Bereichen fordern, sondern wird uns auch viel menschliches Potential erschließen lassen, wenn wir ihm nur den Raum dafür geben.

Der Nerdpride-Abschreckungsfaktor
Ein großes Problem liegt definitiv in der Kombination aus geschlechter/-generations-/einkommensspezifischer Sozialisation und medial dargestelltem bzw. durch die Piratenpartei selbst kommuniziertem Nerdpride in der Verwendung bestimmter digitaler Medien, Fachsprache, Memes und Devices. Auf so gut wie allen Pressefotos der Piratenpartei z.B. sieht man Piratenmitglieder inmitten von Laptops und Kabelgewirr. Die (nicht unbedingt richtige) Botschaft, die rüberkommt ist: “Wer hier mitmachen will, der muss sich mit dem Zeug auskennen. Wir arbeiten und kommunizieren nur auf diese Weise, wer nicht durchsieht, ist selbstverschuldete*r Außenseiter*in.”. Das löst bei Menschen, die während ihres Lebens deutlich seltener mit Technik in Berührung gekommen sind (meistens weiblich sozialisierte, sozioökonomisch benachteiligte und/oder ältere Personen), erstmal Hemmungen aus – wer will schon gern Außenseiter*in sein und nicht mitreden können? Menschen vermeiden grundsätzlich Szenarien, die ein positives Selbstkonzept gefährden und sozialen Ausschluss vermuten lassen (was ich sehr verständlich finde).

Eigentlich ist die Piratenpartei wesentlich offener, als diese mediale Botschaft es suggeriert: Es existieren Hilfsangebote, Tutorials, Workshops und nette Menschen, die einem Fragen beantworten. Allerdings auch mal ab und zu vereinzelte Idioten, die paternalisieren, die Augen verdrehen oder mit überlegenem Lächeln die gefühlte Frage im Raum schweben lassen “Was? Das weißt du nicht?”. Gerade für Frauen oder ältere Personen greift dann die sog. Stereotypenbedrohung und sie müssen Angst haben, dass ihre Unkenntnis als Folge ihres Geschlechtes oder Alters interpretiert wird. Damit stellt sich ein Gefühl ein, die eigene “Gruppe” zu blamieren und zudem als hoffnungsloser Fall abgestempelt zu werden, da die als Ursache angenommene Eigenschaft ja schlecht geändert werden kann. Auch diese Gefühle sind extrem demütigend und werden gemeinhin vermieden (was ich ebenfalls verständlich finde). Für viele dieser Menschen endet das Szenario dann in dem bekannten: “Warte mal, ich mach das mal für dich (= du kannst das ja eh nicht/ das geht schneller etc.)”. Hello erlernte Hilflosigkeit und aktivierte Geschlechterstereotype, goodbye Empowerment. Die daraus erwachsende Abhängikeit und Unterordnung ist ebenfalls nicht sehr attraktiv und schreckt potentielle Neumitglieder mit weniger ausgeprägter Expertise von vornherein zusätzlich ab – selbst wenn die Praxis nicht in diesem worst-case-Bild resultieren würde.

Exotenlabel trifft Confirmation Bias (Bias = Wahrnehmungsverzerrung, s.u.)
Aus der geringen Anzahl von Frauen in der Basis ergibt sich auch eine veränderte Wahrnehmung der vorhandenen Frauen – sie bekommen einen „Seltenheitswert“ und werden daher stärker als „Frauen“ (i.S. der Gruppe/des Stereotyps) denn als Individuen wahrgenommen (das ist ein unbewußter Prozess, der sich aus der Wahrnehmung ungewöhnlicher Unterschiede ergibt und nicht willentlich beeinflussbar ist). Diese Wahrnehmung verstärkt sich mit der Zeit immer weiter, da in Folge einer solchen Einordnung stereotypenkonforme Beobachtungen (z.B. „ist schüchtern“) als Bestätigung des Gruppenstereotyps gesehen werden, während nichtkonforme Informationen (z.B. „nimmt Raum ein“) als Besonderheit des Individuums und berühmte Ausnahme von der Regel interpretiert werden. Damit kann sich ein Stereotyp selbst erhalten und verfestigen, obwohl ständig widersprechende Informationen vorhanden sind. Dieser als „Confirmation Bias“ bezeichnete Prozess findet in allen großen Gruppen statt, in denen erkennbare Minderheiten existieren, und interagieren schmerzhaft mit bereits aus Sozialisation und Mehrheitsgesellschaft vorhandenen Rollenklischees. Als Richtwert sagt man, dass in kleinen Gruppen von bis zu 10 Leuten ca. ab 3 Frauen eine differenziertere Wahrnehmung selbiger erfolgt und Verhaltensweisen eher auf das Individuum als auf das Geschlecht attribuiert werden. Eine „Schlumpfine“ in der Gruppe/Fraktion/Podiumsdiskussion/Crew reicht daher nicht aus, um gegen einen geschlechterspezifischen Confirmation Bias anzuarbeiten.

Vorurteile beeinflussen den Wettbewerb
Der geringe Frauenanteil macht die Piratenpartei also erhöht anfällig für unterbewußt stark aktivierte Stereotype in Bezug auf das biologisch weibliche Geschlecht. Das ist vor allem deshalb gefährlich, weil klischeehafte Geschlechterstereotype Frauen solche Eigenschaften absprechen, die im Politikbetrieb als erstrebenswert gelten und Handlungsfähigkeit bzw. Führungskompetenzen implizieren. Die Nachteile solcher aktivierten Voreinstellungen sind vielfältig, z.B. führen sie zur Abwertung weiblicher Härte als „Zickigkeit“ mitsamt einhergehenden Sympathieverlustes oder verhindern die vielgerühmte „Auswahl nach Kompetenz und Qualitität“. Letzteres wird deutlich illustriert durch die unterschiedliche Befragung weiblicher Kandidatinnen in Befragungsrunden (ein Phänomen, das inzwischen vielen Pirat*innen auffällt) und der Zuordnung bestimmter Kompetenzfelder bei Interview- oder Referatsanfragen. Hier zeigt sich eine – sicherlich ungewollte – Schere im Kopf vieler Pirat*innen, auch innerhalb ihrer Partei Frauen pauschal andere Eigenschaften und Interessen zuzuschreiben und dementsprechend darauf zu reagieren. Emotional verzerrte Entscheidungen haben übrigens die Eigenschaft, im Nachhinein rationalisiert zu werden und sind damit nicht mehr als unbewußte Diskriminierung identifizierbar. Das wird jede*r wissen, die/der jemals diesen Vorwurf erhoben hat und mit einem „Das hat doch damit gar nichts zu tun“ abgeschmettert wurde (was den Leuten subjektiv auch so erscheint). Die einzig zuverlässig Art, derlei kognitiv unzugängliche Wahrnehmungsverzerrungen zu verhindern, liegt mMn. in einer Erhöhung des Frauenanteils, um diese zur „Normalität“ werden zu lassen. Dies würde praktischerweise auch gleich den Kompetenzenpool erhöhen und damit doppelt mit Geschlechterklischees brechen, da sich neben einer „Ent-Exotisierung“ von Frauen auch die Frequenz stereotypen-nonkonformer Informationen (z.B. IT-Fachfrauen) erhöhen würde.

Der In-Group-Out-Group-Bias
Ein Folgehindernis, das sich aus der stereotypisierten Wahrnehmung der wenigen Frauen in der Piratenpartei ergibt, ist das Wirken von Gruppenzugehörigkeitsgefühlen. Werden Minderheiten auf die Unterschiede anstatt auf die Gemeinsamkeiten mit der Mehrheit reduziert (und das passiert in Folge des Exotenfaktors und des Confirmation Bias verstärkt), dann findet eine deutlichere Einteilung in „wir“ und „die“ statt. Dieser Unterscheidungsmechanismus wird durch den „In-Group-Bias“, also der unbewußten Aufwertung der eigenen Gruppe für relevante Merkmale wie z.B. erwünschte Kompetenzen, verstärkt und verhindert als Konsequenz eine wertschätzende Identifikation der Mehrheitsgruppenmitglieder mit der Minderheitsgruppe (obwohl viele relevante Gemeinsamkeiten existieren können). Im Falle der Piratenpartei wird es also männlichen Mitgliedern um so schwerer, sich mit Piratinnen zu identifizieren, sie als kompetent wahrzunehmen und sich von ihnen vertreten zu fühlen, desto seltener diese sind. Da zudem förderndes Verhalten wie z.B. wählen oder protegieren sehr oft nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt (Menschen, die so sind, wie man selbst, wird am ehesten zugetraut, auch das eigene Wertesystem und die eigenen Ziele zu verfolgen), haben Frauen in der Piratenpartei mit abnehmender Anzahl auch unter Männern immer weniger „Lobby“, es sei denn, sie können qualitativ ganz besonders stark hervorstechen.

Wirklich ein “Bonus”?
Der Exotenfaktor kann sich für vereinzelte Frauen im ersten Moment zum Vorteil erweisen, da dieser für piratenpolitisch aktive Frauen einen erhöhten Aufmerksamkeitsfokus generiert. Ist die Frau sehr kompetent, wird dies in solchen Augenblicken auch verstärkt erkannt, gerade weil eine a-priori-Unterschätzung vorgelegen haben kann. Allerdings ist auch eine solche Positiv-Wahrnehmung den genannten Verzerrungen unterworfen(d.h. sie wird ggf. als Ausnahme interpretiert, was der Mehrheit der Frauen in der Partei also nicht weiterhilft) und sogar tendenziell wieder relativiert durch das fehlende Ähnlichkeitsprinzip (so nach dem Motto: „Wird sie mich als Mann denn auch vertreten, oder nur „Fraueninteressen“ wahrnehmen?“). Vereinzelte Frauen werden also trotz möglicher Positivwahrnehmung eher weniger als Vertreterinnen der Interessen aller (und vor allem der männlichen Gruppenmitglieder) angesehen, als wenn mehr Frauen vorhanden wären und damit die gemeinsame Gruppenzugehörigkeit/Zielstellung wieder in den Vordergrund treten würde.

Mangelnde Identifikationsmöglichkeiten für Neugmitglieder
Aus dem geringen Frauenanteil ergibt sich auch eine veränderte Öffentlichkeitwahrnehmung, die weiterhin konstant (auch mit Hilfe der Medien) das Bild einer männlich-weißen Partei konstruiert. Dies führt zu einem verminderten Identifikationspotential für potentielle weibliche Neumitglieder (und auch Wählerinnen) bzw. People Of Color, die sich dann eher Parteien zuwenden, welche Mitglieder mit ähnlichen Sozialisationserfahrungen, Lebensentwürfen und Gemeinsamkeitsmerkmalen vorzuweisen haben und damit die Wahrscheinlichkeit für das erwünschte Gefühl der Gruppenzugehörigkeit und -interessenvertretung erhöhen. Der geringe Frauenanteil der Piratenpartei ist daher zum großen Anteil auch seine eigene Ursache und wird sich damit weiter erhalten, wenn nicht aktiv dagegen vorgegangen wird.

 

TL;DR und Fazit

Das Nerdpride-Image ist in meinen Augen eine der größten Hemmschwellen für viele interessierte Menschen, in das eigentlich sehr teilhabe-offene, hilfsbereite und hierarchiefreie System der Piratenpartei hineinzuschnuppern. Die Piraten sollten auf jeden Fall daran arbeiten, dieses für beide Seiten schädliche Image aktiv aufzubrechen und mehr Offenheit nach außen hin zu signalisieren. Gleichzeitig sollten sie die bereits bestehenden Solidarisierungsnetzwerke und Hilfsangebote deutlicher und strukturierter kommunizieren und damit werben. Die schon existierende Vielfalt sollte deutlich hervorgehoben und sichtbar gemacht werden (z.B. durch #PzG), um so den Identifikationsfaktor für nicht-männliche Geschlechterentwürfe zu erhöhen. Die Botschaft sollte sein: “Wir haben ein neues System, und wir freuen uns, wenn du Teil davon wirst. Auch und gerade, wenn du anders bist als wir. Wir zeigen dir ohne viel Aufhebens alles, was du wissen musst.”

 

Anmerkung: Ein Bias ist eine unwillkürliche und unbewußte Wahrnehmungsverzerrung, die man nicht verhindern, sondern nur durch aktives Gegensteuern kompensieren kann.

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2 Antworten auf Problemfeld 1

  1. Dummerjan sagt:

    “Ein Bias ist eine unwillkürliche und unbewußte Wahrnehmungsverzerrung, die man nicht verhindern, sondern nur durch aktives Gegensteuern kompensieren kann.”
    Nö, “bias” heißt Verzerrung. “Confirmation bias” kommt aus der Verhaltensökonomie und bezeichnet das Phänomen, dass nur die zur eigenen Theorie gehörigen Fakten wahrgenommen werden und also stützen (=confirmation) während nachteilige Fakten ignoriert werden.
    Die anderen möglichen Übersetzungen und Interpretationen von Bias sind sicher mit Hilfe einer sog. “Suchmaschine” zu finden.

    Ansonsten weise ich auf Deine Ignoranz bezüglich sog. behinderte, z.B. sehbehinderter Menschen wie mich hin.

    Macht erst mal nichts: Frauen sind so, Behinderte Männer werden aufgrund ihrer Behinderung nicht wahrgenommen.

    • Doro sagt:

      Das ist die Def., die in meinem Studium in Bezug auf einen psychologischen Bias (von dem ich hier spreche) gängig war. Mit Wahrnehmung ist übrigens nicht die sinnliche oder gar visuelle Wahrnehmung gemeint, sondern die Interpretiation der Informationen, die dein Gehirn (auf welchem Weg auch immer) erreichen. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern du dich als sehbehinderter Mensch da ausgenommen oder nicht gesehen siehst – ich ändere die Formulierung gern um, wenn du mir das sachlich erläuterst. Des weiteren möchte ich dich bitten, in deinem Ton respektvoll zu bleiben. Von meiner Person auf “Frauen*” und deren Nichtbeachtung sehbehinderter Männer zu schließen ist doch reichlich pauschalisiert und unsachlich.

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