Problemfeld 2

 

Zu den in Problemfeld 1 genannten Hindernissen, welche aus der geringen Anzahl der Piratinnen resultieren, gesellen sich Probleme, die mit der strukturellen Verschiedenbehandlung von Männern und Frauen zusammenhängen und Folge kultureller Prägung und gesamtgesellschaftlicher Einbettung in ein bestimmtes Normen- und Wertesystem sind. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Piratenpartei sich zum Teil von althergebrachten Diskriminierungsmechanismen zu emanzipieren scheint und z.B. expliziter Sexismus und sexualisierte Übergriffe innerhalb der Piratenpartei weniger oft wahrgenommen werden als in der Gesamtgesellschaft (vgl. Kegelklubumfrage, 2012). Dies ist als Fortschritt zu werten, der anerkannt und ausgebaut werden sollte. Weniger leicht identifizierbare und damit als Problem benenn- und verhinderbare Mechanismen sind jedoch weiterhin präsent.

Unsichtbarmachung
Ein besonders kontraproduktives Prinzip ist die Unsichtbarmachung weiblicher Kompetenzen, welches durch die Medien verstärkt mitbetrieben wird (Acid, Antiprodukt und Marina Weisband haben dazu anschauliche Blogbeiträge verfasst). Dieser Mechanismus schließt sowohl ein Übergehen von Frauen bei Kompetenzanfragen (z.B. für Interviews/Auftritte/Tagungen) besonders für sog. „Männerdomänen“ mit ein, als auch das Ignorieren von weiblichen Beiträgen (z.B. im Netz, oder in der Medienberichterstattung) bzw. eine Aneignung deren Inhalte durch Weglassen einer Quellennennung.

Stereotype Wahrnehmung
Auch eine Fokussierung der Sekundärberichterstattung auf irrelevante Merkmale, wie z.B. Aussehen, wird bei politisch aktiven Frauen wesentlich häufiger praktiziert und führt ebenfalls zu einer Relativierung und Ablenkung von ihren eigentlich wichtigen Fähigkeiten oder Aussagen. Dieser Mechanismus wird nicht immer absichtlich oder gar böswillig angewandt, passiert jedoch zu oft, um nicht als systematisch bezeichnet werden zu können. Die Ursachen sind verschieden und reichen von einer gewissen Gedankenlosigkeit über eine unbewußten Erinnerungsverzerrung in der nachfolgenden Berichterstattung, die ebenfalls dem Confirmation Bias unterliegt, bis hin zu Konkurrenzsituationen, in denen sich mehrere z.B. um ein Interview kloppen. In diesen Bereich wirkt auch dominante Kommunikation mit hinein, die in weiblicher Sozialisation weniger stark enthalten ist und bei Frauen auch gesellschaftlich stärker sanktioniert wird (z.B. erhobene Stimme als „Keifen“ abwerten und als hysterisch pathologisieren etc.). Solche Voraussetzungen wirken sich – natürlich immer in Interaktion mit stereotypen Vorurteilen – als Selektionsnachteil für die weiblichen Mitglieder aus, wenn es darum geht, sich durchzusetzen und Profilierungsraum einzunehmen. Dies wiederum erschwert die Ausnutzung des weiblichen Kompetenzpotenzials, das in der Piratenpartei vorhanden ist, massiv (und rekonstruiert damit Politik als „Männerdomäne“)

Der Pygmalion-Effekt 
Nicht zu unterschätzen ist auch das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeihung (auch als Pygmalion-Prinzip bezeichnet) – wenn Männer aufgrund von günstigen Vorannahmen häufiger in den Vordergrund geholt werden, trainieren diese ihr Auftreten stärker und sind nachher wirklich geübter in ihrer Performance als Frauen. Dies ist ein Prozess, der oft schon in der geschlechterspezifischen Sozialisation beginnt und daher durch verstärktes Empowerment und aktives „Hervorholen“ von kompetenten Frauen mit verbundenen Trainingsmöglichkeiten ausgeglichen werden sollte. Eine ganz explizite Sichtbarmachung bereits vorhandener weiblicher Kompetenzen (und wenn wir ehrlich sind, mangelt es der Piratenpartei daran nicht) hilft dabei nicht nur in der Motivierung und Wertschätzung aktiver Piratinnen, sondern generiert auch positive Vorbilder für nachfolgende Kompetenzträgerinnen (indem sie nachweislich starken Einfluss auf deren Selbstwirksamkeitserleben hat und ein „Wenn sie das geschafft hat, dann schaff ich das bestimmt auch!“-Gefühl erzeugt). Außerdem werden durch die Sichtbarmachung erneut kontraproduktive Rollenklischees durchbrochen.

Veränderte Kompetenzzuschreibungen
Ergänzend sind alle üblichen Genderzuschreibungen zu nennen, die in der Gesellschaft allgemein verankert sind und sich auch in die Piratenpartei erstrecken, wie z.B. die geschlechterspezifische Zuschreibung bestimmter Kernthemen (z.B. Frauen ausschließlich für Familie, Gleichstellung, Soziales etc.) und ähnliche stereotype Zuschreibungen bzw. Erwartungshaltungen. Verortet sich dann eine Frau unkonform in tendenziell männlich assoziierten Bereichen, so wird sie von ihrer Umwelt aufgrund der wahrgenommenen „Ungewöhnlichkeit“ eher in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt und bezüglich ihrer Kompetenz geprüft als Männer, bei denen entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten häufiger unhinterfragt angenommen bzw. sogar vorausgesetzt werden. Da weibliche Sozialisationsnormen häufig eine erhöhte Bereitschaft zum Selbstzweifeln („Kann ich das wirklich so perfekt, wie es alle erwarten?“) sowie eine Tendenz zur eigenen Zurücknahme („Ich muss nicht im Vordergrund stehen“) enthalten – Achtung! Das ist keine immanent biologisch-weibliche Eigenschaft, sondern kulturell geformt – wird den allgemein im Raum stehenden Vorurteilen gegenüber oft klein beigegeben, obwohl die Kompetenz zu einer guten Performance meist gegeben ist. Verstärkt wird dieser Rückzug durch die Stereotypenbedrohung, also das Wissen, dass ein eigenes Scheitern vorurteilsstärkend auf die gesamte Gruppe der Frauen zurückfallen würde, frei nach dem Motto: „War ja klar, Frauen können das eben nicht“. Damit erhöht sich der individuelle Druck und damit das Vermeidungsverhalten. Hier hilft üblicherweise eine klassische Konfrontationsstrategie mit viel Übung und moralischem Support.

 

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